Borowski-Interview: WM-Spritztour undercover mit "Merte"

Die Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land zählte zu den Höhepunkten in der Karriere von Tim Borowski.
Profis
Freitag, 11.05.2012 // 12:42 Uhr

TEIL 2

Rund um das letzte Saisonspiel gegen den FC Schalke 04 wurde Tim Borowski offiziell verabschiedet. Das Ende einer 15 Jahre dauernden Ära als Spieler des SV Werder und der Abschied des letzten aktiven Double-Siegers in den Reihen der Grün-Weißen. Im Restaurant "Jürgenshof", in dem "Boro" seinen ersten Amateurvertrag unterzeichnete, traf sich der 32-Jährige mit WERDER.DE, um in alten Erinnerungen zu kramen und die Zeit Revue passieren zu lassen.

Tim, lass uns über deinen Sprung aus der Jugend in den Seniorenfußball sprechen. Kannst du dich noch daran erinnern?
Tim Borowski: Die Zeit im Internat und in der Jugend war sehr prägend für mich, die Basis für alle weiteren Schritte meiner Karriere. Damals in der A-Jugend habe ich unter anderem mit Markus Krösche, Thorsten Gräb, Jan Meyerdierks, Simon Knipper, Joey Di'Iorio und Victor Siasia zusammengespielt. Von der Qualität her waren wir eine durchschnittliche Mannschaft, aber menschlich hatten wir einfach eine geile Truppe und sind deshalb auch A-Jugendmeister geworden. Nur wenige Tage nach dieser Meisterschaft sind wir mit dem Titel im Rücken und breiter Brust bei den Amateuren ins Mannschaftstraining eingestiegen.

Und habt schnell festgestellt, dass dort ein anderer Wind weht...
Tim Borowski: Ganz genau! Wir haben uns gefragt, wo wir gelandet sind. Keiner hat mit uns gesprochen. Da waren wir natürlich sehr verunsichert, weil wir ja auch dachten, dass wir schon richtig große Spieler sind - schließlich hatten wir gerade die deutsche A-Jugendmeisterschaft gewonnen. Aber die haben uns anfangs gar nicht ernst genommen. So hatten wir uns das nicht vorgestellt.

Wenn man sich deine Bilanz anschaut, dann macht es aber nicht den Eindruck, als hättest du eine lange Eingewöhnungsphase gebraucht.
Tim Borowski: Das hat sich dann auch schnell geändert hat. Wir mussten eben erst mal warm werden miteinander. Das ging durch die Trainingseinheiten und die Trainingslager recht schnell. Außerdem hatten wir ja eine gute Truppe. Uwe Harttgen war Kapitän, Björn Schierenbeck und Michael Jürgen waren auch dabei und Thomas Wolter war der Co-Trainer. Und das sind ja alles gute Typen, die uns den großen Sprung erleichtert haben. Sie haben uns mit ins Boot geholt. Das sind Momente, die ich noch genau vor Augen habe.

Damals wie heute hieß dein Trainer Thomas Schaaf. Kannst du euer Verhältnis beschreiben?
Tim Borowski: Thomas Schaaf war immer mein absoluter Förderer und Forderer. Weil er mich so gut kannte, wusste er auch immer, an welcher Stellschraube er drehen muss, womit er mich locken und pushen kann. Ich habe das Bild noch vor Augen, als ich im Herbst 1995 zum Probetraining in Bremen war. Er war damals Chef der Amateur- und Jugendabteilung. Nach der Einheit hat er mich in der Kabine gefragt ob ich bei Werder spielen möchte. Da habe ich nicht lange gezögert und sofort „ja" gesagt. Wir kennen uns nicht also nicht erst seit 1996, sondern sogar schon länger.

Was hat eure Zusammenarbeit ausgezeichnet?
Tim Borowski: Vor allem die Tatsache, dass wir immer offen und ehrlich miteinander umgegangen sind. Aber auch, dass er mich immer unterstützt hat. Und es gab ja nicht nur gute Zeiten. Ich kann mich erinnern, dass in meinem zweiten Bundesliga-Jahr so gut wie gar nichts ging bei mir. Aber er hat mich nicht fallen lassen, sondern gesehen, dass ich alles versuche, im Training alles gebe, es aber nicht so umsetzen konnte, wie ich wollte. Für mich ist klar, dass ich ohne seine Unterstützung viele der tollen Momente nicht erlebt hätte. Er hat eine sehr gute Menschenkenntnis. Ich hatte eine phantastische Zeit mit ihm.

Vor ziemlich genau einem Jahr hat sich Torsten Frings aus Bremen verabschiedet und Thomas Schaaf als Zeichen des Dankes sein letztes Trikot geschenkt. Hast du ähnliche Pläne, deine Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen?
Tim Borowski: Die Geste von Torsten hat einen großen Wert, das war eine gute Geschichte. Bei mir ist in diese Richtung aber nichts abgesprochen oder geplant. Ich denke aber, dass es bei Lutscher auch eine spontane Aktion war. Deshalb würde ich es auch bei mir nicht ausschließen - verdient hätte es der Trainer.

Es gab ein Jahr in deiner Karriere, in dem der Trainer nicht Thomas Schaaf hieß: Die Saison beim FC Bayern. War es rückblickend ein Fehler nach München gegangen zu sein?
Tim Borowski: Im Grunde habe ich damals keine so schlechte Saison gespielt. Ein Freund von mir hat mir zum Geburtstag Bilder und Statistiken meiner Karriere geschenkt. Da war auch die Zeit beim FC Bayern mit aufgeführt und meine Quote gar nicht so schlecht. Aber auch fernab der Zahlen war es eine gute Erfahrung, die ich gesammelt habe - vor allem für das weitere Leben und die Familie. Auch da habe ich viel erlebt.

Durch dieses Intermezzo hast du aber auch den bisher letzten Titel von Werder, den DFB-Pokalsieg 2009, verpasst. Ärgert dich das?
Tim Borowski: Stimmt. Aber eigentlich geht man ja zu den Bayern und weiß, dass man mindestens einen Titel holt. Das hat bei mir leider nicht gepasst, das ist ärgerlich, weil man für den Gewinn von Titeln Fußball spielt. Aber man nimmt auch aus solchen Jahren gewisse Erkenntnisse mit, die hilfreich für die Zukunft sind.

Eine Erkenntnis müsste sein, dass beim 5:2-Sieg des SVW in München in der Saison 2008/2009 nur Werderaner getroffen haben...
Tim Borowski: Richtig. Als ich ins Spiel kam, waren wir mit dem 0:5 sogar noch gut bedient, so vogelwild wie wir da gespielt haben. Im Internet kursierten Bilder „7:0-Sieg für Werder gegen Bayern". Danach gab es natürlich auch Sprüche von Freunden und aus der Familie. Und freuen konnte ich mich über meine beiden Tore auch nicht.

Das kann ich mir vorstellen, zumal die alten Kollegen die Situation sicher nicht ungenutzt gelassen haben und es auch von denen den einen oder anderen Spruch gab?
Tim Borowski: Das war nicht der Fall. Die haben sich danach so gefeiert, dass sie keinen Gedanken daran verschwendet haben, sich mit mir darüber zu unterhalten (lacht). Aber für mich als Person und als Spieler des FC Bayern war es auch ohne Sprüche von Werder eine Katastrophe.

Aber es war nicht die höchste Niederlage in deiner Karriere.
Tim Borowski: Meinst du das 2:7 in Lyon?

Ja.
Tim Borowski: Auch das Spiel habe ich genau noch vor Augen. Die hatten uns im Hinspiel schon 3:0 geschlagen, obwohl wir gar nicht schlecht gespielt haben. Damals hat Juninho ein Traumtor aus 35 Metern erzielt. Im Rückspiel war es dann ein Klassenunterschied und - so komisch das klingt - das muss man dann auch mal akzeptieren. Mit Spielern wie Vitor, Gouvu, Essien und wie sie alle heißen, hatten die eine überragende Mannschaft und im Jahr danach plötzlich 150 Millionen Euro mehr auf dem Konto, weil sie einige ihre Spieler verkauft haben. Und dazu kam auch noch, dass bei uns nicht viel ging an dem Abend. Aber auch Momente, in denen nichts geht, aus denen man aber gestärkt herausgeht, gehören zu einer guten Karriere dazu.

Ein Meilenstein deiner Laufbahn dürfte auch die Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land gewesen sein. Welche Erinnerungen hast du noch an das „Sommermärchen"?
Tim Borowski: Das war eine sehr anspruchsvolle und intensive Zeit, die mit der Vorbereitung und dem letzten Testspiel in Florenz gegen Italien, das wir 1:4 verloren haben, recht holprig anfing. Gefühlt war damals schon vor dem Start der WM der Trainer weg. Das hätte der Vorbereitung insgesamt natürlich sehr geschadet. Aufgrund dieser durchwachsenen Phase haben die Fans zu der Zeit aber auch nicht viel von uns erwartet. Es wusste ja keiner so genau, wo wir stehen. Und dieses 1:4 gegen Italien war schon ein extremer Rucksack, mit dem wir in das Turnier gegangen sind.

Aber dann nahm das „Sommermärchen" seinen Lauf.
Tim Borowski: Das Trainerteam hatte uns in den vier Wochen vor dem Turnier in Sardinien, Genf und Berlin gut auf das anstehende Turnier eingeschworen und mit dem Tag an, wo wir gegen Costa Rica gespielt haben war das Wetter gut und die Leistungen auch. Der Zusammenhalt, der unter den Menschen und zwischen den Kulturen herrschte, war überragend.

Und die Stimmung im ganzen Land wurde immer besser. Bekommt man das als Spieler überhaupt mit, was man da auslöst?
Tim Borowski: Da kann ich eine nette Geschichte zu erzählen. Ich habe während dieser Zeit ständig irgendwelche Kurzvideos von meinen Kumpels geschickt bekommen. Für uns war es so, dass wir mit dem Bus ins Stadion gefahren sind, gespielt haben und dann mit dem Bus zurückgefahren sind. Ab und zu konnten wir auf dem Ku'damm einen Kaffee trinken, aber eigentlich ging das gar nicht. Deshalb habe ich irgendwann zu Per Mertesacker gesagt, dass es nicht sein kann, dass wir sechs Wochen im Hotel verbringen und nichts von der Stimmung aufsaugen können. Wir wussten ja gar nicht, wie das da draußen wirklich ist.

Und was habt ihr dann gemacht?
Tim Borowski: Uns wurden von dem Autopartner der Nationalmannschaft damals Autos zu Verfügung gestellt. Nach dem Abendessen, das immer zwischen 19 und 20 Uhr war, haben wir uns dann eines davon genommen. Als erstes sind wir dann zur Tankstelle gefahren, haben uns Snickers und Cola gekauft und sind anschließend zwei Stunden durch Berlin gefahren und haben versucht ein bisschen was aufzunehmen. Das war ein Traum, wir haben den Mund nicht zubekommen. Da haben wir gesehen, was für eine Euphorie im Land herrschte.

Das sind alles sehr schöne Erinnerungen. Was wirst du denn am meisten aus dieser Zeit vermissen?
Tim Borowski: Ich weiß, was ich überhaupt nicht vermissen werde: die Trainingslager (lacht). Nein, ernsthaft. Es gab so viele tolle Augenblicke, dass ich jetzt noch gar nicht genau sagen, was mir fehlen wird, aber ich denke, dass es der Wettkampf am Wochenende sein wird, das Reisen, das schon interessant ist, das volle Weser-Stadion, die Zeit mit den Jungs in der Kabine, Eckchen spielen. Wahrscheinlich wird mir sogar das Training fehlen, weil das Fußballspielen an sich dann ja auch weniger wird.

Aber dadurch wirst du dann auch mehr Zeit für andere Dinge haben. Deine Familie wird es sicher freuen.
Tim Borowski: Ich freue mich auch darauf, mehr Zeit mit meiner Frau und den Kindern zu verbringen, aber ich könnte auch nicht jeden Tag zu Hause rumsitzen und meiner Frau auf den Keks gehen. Das war bei uns immer eine gute Mischung von „ich bin dann mal ein paar Tage weg" und „ich komm dann aber auch schnell wieder". Aber meine Tochter wird sich freuen. Sie hat mich am Samstag bei der Verabschiedung gefragt, warum ich so traurig aussehe. Ich hab ihr das dann erzählt und versucht zu erklären und dann war sie auch ein bisschen traurig, freut sich aber, dass der Papa jetzt mehr Zeit hat.

Dein Sohnemann hat das Ganze noch nicht bewusst miterleben können. Bist du denn traurig, dass er nichts von deiner Karriere mitbekommen hat?
Tim Borowski: Den Gedanken habe ich auch schon gehabt und ich finde es tatsächlich ein bisschen schade. Aber das lag ja an mir, ich hätte einfach früher anfangen müssen (lacht). Man kann leider nicht alles verbinden und vorausplanen. Es ist schade, aber ich werde es ihm sicher mal erzählen.

Und spätestens wenn er sich der Profikarriere nähert, wird der Vergleich zu seinem Papa gezogen.
Tim Borowski: Ja, und er strampelt jetzt schon beidfüßig (lacht)!


Das Interview führte Dominik Kupilas

 

Lesen Sie hier auch TEIL 1 des exklusiven Interviews mit Tim Borowski.