"Beim ersten Training zusammengefaltet"

Thomas Schaaf hat gut Lachen: Er fühlt sich wohl in Bremen und kann seiner Arbeit in Ruhe nachgehen.
Profis
Freitag, 29.04.2011 // 11:58 Uhr

Am Samstag, 30.04.2010, feiert Cheftrainer Thomas Schaaf seinen 50. Geburtstag. Im Vorfeld war der dienstälteste Bundesliga-Trainer ein gefragter Mann, musste ein Geburtstags-Interview nach dem anderen geben. Die Nachrichtenagentur dapd schickte extra ein dreiköpfiges Team aus Hamburg an die Weser und unterhielt sich mit ihm über zwei Stunden lang. WERDER.DE veröffentlicht diesen launigen Rückblick mit vielen Einblicken. Viel Spaß!

Teil 1

Herr Schaaf, an Ihrem 50. Geburtstag am 30. April werden Sie fast 39 Jahre bei Werder Bremen sein. Erinnern Sie sich an Ihren ersten Tag? Im Sommer 1972, Sie waren elf...
Ich kam in die D-Jugend. Die wollten eigentlich meinen älteren Bruder haben, und den Kleinen haben sie mitgenommen, der war auch ganz gut.

In der Abwehr der Profis spielten Assauer, Höttges und Roentved. War einer ihr Vorbild?
Alle. Diese drei haben ja noch lange bedeutende Rollen gespielt. Natürlich war ich auch Fan. Die Jugendzeit war toll, ich habe viele schöne Erinnerungen.

Sie gaben Ihr Bundesliga-Debüt am 18. April 1979, noch mit 17 Jahren. Wissen Sie noch, für wen Sie kamen?
Klar, ich kam für Kalle Geils und durfte gegen Jochen Abel spielen, wir haben 3:0 in Bochum verloren. Trainer war Fritz Langner. Er hatte immer einen Spruch parat. "Du Seckel, du!", hat Langner immer gesagt. Er galt als Schleifer, war aber eigentlich ein ganz lieber Mensch. Er hat mich bei meinem ersten Training mit den Großen gleich zusammengefaltet, und 300 Zuschauer am Platz haben applaudiert. Ich stand da und wusste gar nicht, was los ist. Aber es war richtig und gut.

Im Mai 1999 übernahmen Sie den Posten von Felix Magath vor dem 30. Spieltag, punktgleich mit dem 16., und mussten gegen Schalke spielen. Wissen Sie, wer das Siegtor schoss?
Klar. Das war Christoph Dabrowski. Ich habe aber nicht jedes Datum im Kopf und ertappe mich dabei, Jahre zu verwechseln, nach 33 Jahren in diesem schnellebigen Geschäft... Ich bewundere meinen Kollegen Thomas Wolter, der kann Ihnen zu allem noch die Uhrzeit dazu sagen.

Wie haben Sie sich damals gefühlt?
Es war sehr viel Unruhe im Verein, und bei unserem Restprogramm, da war schon der Stempel "Abstieg" drauf: erledigt. Für mich persönlich musste ich schnell sehr vieles abwägen: Was kann ich erreichen, was kann ich aber auch verspielen? Viele sind ja schnell aufgesprungen und dann schnell wieder verschwunden. Meine Entscheidung war schnell klar.

Hätten Sie lieber in Ruhe ein Team in der Vorbereitung übernommen?
Man hat ja selten die Wahl. Damals war keine Zeit für große Pläne und Veränderungen. Andererseits, wenn du nicht gut spielst, keinen Erfolg hast, hast du auch keine Argumente gegen eine neue Richtung. Je mehr das Ding platt ist, desto mehr Spielraum für Neues hast du als neuer Trainer. Wie sich unsere Arbeit entwickelte, war natürlich gut. Drei Spiele gewonnen, Abstieg vermieden, dazu das gewonnene Pokalfinale gegen Bayern. Danach hatten wir alle Möglichkeiten. Dazu gelang es uns, in der Vorbereitung zur neuen Saison auch einen anderen Fußball zu spielen. Die Situation am Anfang war äußerst tückisch, hat sich für mich und den Verein aber ungeheuer positiv entwickelt.

Am 8. Mai 2004, die Rückkehr vom Sieg in München: Sie schwingen aus dem Cockpit die Werder-Flagge. Ihre eigene Idee?
Ach, dieses Foto. Ich wusste damals nicht, was ich damit anrichte, immer wird das rausgeholt. Wir kamen aus München zurück und sahen aus der Luft die tausenden Fans - ich krieg jetzt schon wieder Gänsehaut, wenn ich daran denke. Der Pilot sagte, wollen Sie mal oben rausgucken? Ich sagte, wie jetzt, oben rausgucken. Ich wusste nicht, dass es Flugzeuge mit Schiebedach gibt. Als ich dann rausschaute, wurden mir immer mehr Sachen gereicht. Schon hatte ich die Fahne und die Videokamera in der Hand.

Fans streiten um die Zahl der "Wunder von der Weser". Waren es aus Ihrer Sicht fünf, oder eher acht?
Ich habe da kein Zählwerk, das soll jeder selbst entscheiden. Spartak Moskau war eine große Nummer, 1:4 verloren, zuhause 6:2. Dynamo Berlin natürlich, die Bilder vom jubelnden Thomas Doll, wie er nach dem dritten Tor über die Aschenbahn läuft. Da haben wir uns gesagt, im Rückspiel wird Tacheles geredet. Gegen Neapel mit Maradona, Anderlecht, Lyon - ich weiß nicht, was noch alles.

Waren das Spiele im Rausch?
Ich würde es "Lauf" nennen: egal, was du machst, es funktioniert. Das sind bleibende Momente, aber es geht nur, wenn du dran glaubst.

38 Jahre in einem Verein - verschwimmen da die Jahre und die Erinnerungen?
Schon etwas. Wenn man drüber redet, fällt mir immer Neues ein. Man darf nicht vergessen, dass ich nicht nur lange bei Werder, sondern auch vorher schon hier am Weser-Stadion aufgewachsen bin. Ich erinnere mich genau so daran, wie ich mit meinem Vater hinterm Stadion an der Weser angeln war, wie an die alten Gästekabinen im Stadion. Da liefen die Heizungsrohre durch, es waren gefühlte 65 Grad, die Gegner dachten immer, das wäre Absicht.

Wäre das Erinnern leichter, wenn Sie in München, Madrid und Mailand gewesen wären?
Ich war ja da, und an vielen anderen Orten. Sicher, Ortswechsel hätten die Erinnerung anders strukturiert. Bei mir mischt sich viel Privates und Berufliches.

Die Veränderungen in den letzten Jahren sind auch Ihrer Arbeit zu verdanken. Macht Sie das Stolz?
Stolz wäre nicht mein Begriff, stolz bin ich auf meine Tochter. Ich habe mitgearbeitet, nicht nur an der wirtschaftlichen Leistungskraft, sondern auch mit meinen Ideen. Das ist ein sehr gutes Gefühl.

Wer war der beste Spieler, mit dem Sie zu tun hatten?
Das kann ich nicht sagen. Es wäre ungerecht und falsch. Es wäre unsinnig zum Beispiel die Fähigkeiten von Rudi Völler und Miro Klose zu vergleichen. Das hat auch damit zu tun, wie ich Fußballer wahrnehme: Jeder ist einzigartig und hat besondere Fähigkeiten und Potenziale. Gemeinsam mit Klaus Allofs schauen wir dann, wie ein Junge ins Konzept passt.

Man sagt Ihnen nach, gut mit sogenannten schwierigen Typen zu können...
Ich suche das nicht, ich nehme auch gern Einfache. Wir sind manchmal gezwungen, nach Spielern Ausschau zu halten, die in anderen Vereinen nicht so funktioniert haben. Und Leute mit besonderen Talenten haben bekanntlich oft eine Macke. 'Schwierig' müsste man auch erst definieren, manche haben diesen Ruf und sind für mich alles andere als das.

Sie bringen gerade eine Saison zu Ende, in der Ihr Puzzle aus Plänen und Erwartungen nicht aufgegangen ist. Wissen Sie jetzt schon genau, was schief gelaufen ist, oder müssen Sie ab Juni noch einmal analysieren?
Wir sind immer in einem Prozess, müssen permanent eingreifen, vorausplanen, analysieren. Es ist ja nie etwas abgeschlossen oder erledigt, sondern man arbeitet fortwährend in allen Bereichen. Wir haben viele Ansätze, was in dieser Saison ursächlich gewesen sein könnte. Sicher Wissen kann man es nie.

Muss man überhaupt aufarbeiten, oder kann man sich nach der Rettung gleich der Zukunft zuwenden?
Sie müssen aufarbeiten. Man darf sich nicht zu lange damit aufhalten, aber man sollte diesen Erfahrungswert festhalten, um ihn später nutzen zu können.

Sind Sie mit Klaus Allofs in solchen Fragen meist einig?
Wir können gut miteinander diskutieren, wir reden uns nicht nach dem Mund. In den Kernfragen sind wir einig, aber im Detail auch mal nicht. Wichtig für Werder ist, dass wir uns das Recht nehmen, auch mal 'nein' zu sagen. Wir konfrontieren uns mit allem, also auch neuen Ideen und Methoden im Fußball. Aber wenn uns die Überzeugung fehlt, lassen wir es.

Tragen Sie auch mal richtige Konflikte mit ihm aus?
Ja, wir können auch um Entscheidungen kämpfen, mit großem Respekt voreinander und vor der Meinung des anderen. Das funktioniert verdammt gut, auch, weil immer die Sache im Vordergrund steht. 1999 haben wir unseren gemeinsamen Weg begonnen, und es hat nie Routine oder ein Nachlassen gegeben. Es ist zum Beispiel wunderbar, was Klaus immer wieder an Ideen reinbringt, wie etwas zu realisieren sein könnte.

Interview: dapd


Lesen Sie am Sonntag Teil 2 des Interviews über andere Angebote, eine heimliche Yacht und schwierige Interviews.

 

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