Rückkehr in sein Wohnzimmer: "Diego wird im Mittelpunkt stehen"

Ein Bild aus dem Oktober 1998: Felix Magath war neuer Trainer beim SV Werder Bremen und nahm zum ersten Mal auf der Werder-Bank Platz.
Profis
Mittwoch, 27.04.2011 // 17:39 Uhr

Einen großen Schritt in Richtung Klassenerhalt haben sie mit dem Erfolg beim FC St. Pauli bereits gemacht. „Nun wollen wir vor heimischem Publikum alles klarmachen", sagt Torsten Frings im Hinblick auf die Partie am Freitagabend gegen den VfL Wolfsburg. Für die Wölfe ist die Lage noch etwas bedrohlicher. Mit 32 Punkten belegen sie derzeit Tabellenplatz 16. Das Aufeinandertreffen verspricht also jede Menge Brisanz, auch weil Werders ehemaliger Spielmacher Diego zum ersten Mal an seine alte Wirkungsstätte zurückkehrt. Vor dem Nord-Duell stellte sich Gäste-Coach Felix Magath den Bremer Journalisten. WERDER.DE war dabei und hat mitgefragt. Es geht um Rückkehrer, unterschiedliche Trainingsansichten und den unbedingten Willen im Abstiegskampf.

 

Herr Magath, auch wenn es schon eine Weile her ist, kehren Sie am Freitagabend an eine Ihrer ehemaligen Wirkungsstätten zurück. Ist es für Sie noch etwas Besonderes, im Weser-Stadion zu spielen? Wie sie schon richtig sagen, ist das mittlerweile 13 Jahre her und ich glaube, dass zwischendrin sehr viel passiert ist. Von daher ist es für mich nichts Besonderes mehr. Ich habe die Vergangenheit abgehakt, aber auf allen meinen Stationen immer etwas für mich persönlich mitgenommen.

Und was aus Bremen? Dass ein Trainer auch zu einem Verein passen muss. Und dass man als Trainer nicht überall gleich arbeiten kann, sondern das eben das Umfeld und die Bedingungen sehr wichtig sind, damit ein Trainer erfolgreich sein kann.

Sie sind in der Bundesliga doch recht viel herumgekommen. Werder hingegen setzt seit mittlerweile fast 12 Jahren auf ein und denselben Trainer. Wie bewerten Sie diese Kontinuität? Dieser Fakt spricht absolut für Werder Bremen. Man hatte zu meiner Zeit damals eine Phase, wo man den richtigen Trainer für den Verein gesucht hat, wo man öfter gewechselt hat. Ich finde es klasse, dass sich Werder Bremen von fast dem Rest der Liga in dieser Sache unterscheidet und auch damit sehr erfolgreich ist. Ich halte diese Trainerwechsel immer nur für Alibi-Aktionen, weil sich dadurch vielleicht andere Personen aus der Verantwortung wegstehlen können. Meist wird dann ein Trainer geopfert. Was da diese Saison abgelaufen ist, ist ja unerträglich. Ich glaube nicht, dass das tatsächlich sportlich sinnvoll ist für die Vereine.

"Bin ein Trainer, der Abstand hält"

Nicht nur für Sie ist die Partie am Freitagabend eine Rückkehr auf bekanntes Terrain. Auch Diego kommt zum ersten Mal zurück ins Weser-Stadion. Welchen Eindruck haben Sie in den ersten Wochen von ihm erhalten und was denken sie, welche Rolle kann er in den noch ausstehenden Spielen einnehmen? Dass er ein Klasse-Spieler ist, darüber brauchen wir uns nicht zu unterhalten. Das hat man ja lange Zeit in Bremen gesehen. Ein Spieler von seinen Fähigkeiten und seiner Klasse braucht aber auch eine gewisse Umgebung. Und diese war in Bremen für ihn sicher vorteilhafter, als momentan hier in Wolfsburg. In Bremen hatte das Alles eine feste Struktur, wo er sich wunderbar eingefügt hat und bei uns suchen wir noch danach. Er hat aber an seinen Fähigkeiten nichts eingebüßt und wird auch in Zukunft ein ganz wichtiger Mann für unser Spiel sein.

Müssen Sie auf ihn jetzt besonders einwirken - vor dem für ihn ja auch sehr wichtigen Spiel - bei seiner ersten Rückkehr nach Bremen? Es ist ja nicht nur für ihn ein wichtiges Spiel, sondern für den gesamten VfL Wolfsburg. Es geht schließlich darum, dass wir mit einem Sieg wichtige Punkte mit nach Hause nehmen könnten. Sicherlich wird Diego dort im Mittelpunkt stehen, weil er eben in Bremen eine wunderbare Zeit gehabt hat.

Besteht die Gefahr, dass er vielleicht übermotiviert zu Werke geht? Ich denke, dass er sehr professionell ist, so denkt und auch im Spiel sich dann nicht von seinen Gefühlen leiten lässt. Sondern vielmehr, dass er den Zuschauern zeigt, was für ein Klasse-Fußballer er ist, was er für Fähigkeiten hat, dass er ein Spiel leiten kann und torgefährlich ist. So habe ich ihn kennengelernt.

A propos kennengelernt. Wie ist eigentlich Ihr persönliches Verhältnis zu Diego? Sie müssen nicht glauben, auch wenn Diego vielleicht unser wichtigster Spieler ist, dass ich zu ihm einen ganz besonderen Kontakt suche. Sie wissen, dass ich ein Trainer bin, der zu seinen Spielern Abstand hält und das gilt auch für Diego. In der Zusammenarbeit zwischen uns gab es aber bisher keine Probleme und ich denke, dass wir beide in der Zukunft gemeinsam den VfL nach vorne bringen werden.

"Es geht nur über Kampf und Einsatzbereitschaft"

Inwiefern sind denn jetzt überhaupt seine Fähigkeiten als Dribbler und Techniker im Abstiegskampf von Bedeutung? Die Problematik liegt darin, dass es bei uns noch nicht dieses eingespielte Offensivspiel, wie in Bremen gibt. Sondern aufgrund der Situation wir noch keine Offensivstruktur herstellen konnten. Mit Dzeko wurde der treffsicherste Stürmer abgegeben, dafür hat man neue Leute verpflichtet. Das braucht Zeit, um sich einzuspielen und einzufinden. Wir müssen mit der Situation Vorlieb nehmen und punkten, ohne das ein Diego in den Mittelpunkt des Spiels rücken kann. Aber ich bin mir sicher, dass wenn wir die schwierige Phase überstehen und die Klasse halten, wir in der neuen Saison einen Diego erleben werden, der in einer festen Struktur seine Position finden wird.

Bereits am vergangenen Wochenende konnte Diego maßgeblich zum 4:1 gegen den 1.FC Köln beitragen. Trotzdem mussten Ihre Spieler am Ostermontag auf den sogenannten „Hügel des Schreckens". Was steckt dahinter, waren sie unzufrieden? Ich habe keine Ahnung, wie sie den Trainingsplatz hier in Wolfsburg bezeichnen. Aus meiner Sicht gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich auf dem Platz zu vergnügen. Das eine Mal mit Ball, das andere Mal ohne Ball. Es gibt da natürlich verschiedene Philosophien. Ich weiß, dass viele der Meinung sind, dass heute mit Ball trainiert werden sollte. Ich bin da allerdings anderer Meinung. Wenn man den Fußball richtig betrachtet, dann wird man sehen, dass ein Spieler in einer Partie meistens ohne Ball unterwegs sein muss. Insofern trainieren wir auch häufiger ohne Ball. Deshalb haben wir am Montagmorgen die Möglichkeiten, die uns das Trainingsgelände bietet, genutzt und sind auch ein wenig bergauf gelaufen. Für einen Berufssportler sehe ich das als nicht so tragisch an, dass man mal zehn Meter berghoch läuft.

Nach dem Sieg konnte man aus Wolfsburg vernehmen, dass die Mannschaft nun endlich verstanden habe, worum es geht. Was war denn zuvor das Problem? Anscheinend war der Abstiegskampf hier vorher nie ein Thema. Man hat immer geglaubt: Die Qualität der Mannschaft macht das schon, man ist ja eigentlich besser als der Tabellenstand. Eigentlich - das mag stimmen. Aber wenn man nach 27 Spieltagen unten drin steht, gibt es kein ‚eigentlich' mehr. Wenn die spielerische Struktur nicht da ist, geht es nur über Kampf und Einsatzbereitschaft. Und das hat in den Spielen zuvor gefehlt, weil die Spieler wohl nicht das Bewusstsein dafür hatten, dass es in den letzten Spielen nur darum geht, den Abstieg zu vermeiden.

"Zunehmend mehr Lockerheit und Sicherheit"

Nun geht's am Freitag zum SV Werder. Was erwarten Sie für ein Spiel, zumal in den letzten Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften (die Hinrunde mal ausgeklammert) doch relativ viele Treffer gefallen sind? Ich denke, dass die Zuschauer sich - wie auch in der Vergangenheit schon - auf Tore einstellen können. Werder hat in den letzten Spielen die Kurve gekriegt und kommt langsam zurück zu alter Stärke und gewohnter Spielfreude. Außerdem sind die Werderaner nach dem Erfolg bei St. Pauli nicht mehr im Abstiegsrennen drin. Für sie gilt es jetzt, die Saison ausklingen zu lassen. Auf der anderen Seite sind wir nach vorne hin natürlich auch sehr gut. Mit Diego, Mandzukic und Grafite haben wir starke Offensivspieler und deshalb gehe ich davon aus, dass auf beiden Seiten Chancen herausgespielt werden und mehrere Tore fallen.

Stichwort Mandzukic. Was hat sich verändert in den Wochen der gemeinsamen Zusammenarbeit? Er trifft ja am laufenden Band...Ich habe mit ihm nichts Besonderes gemacht. Dadurch, dass er auf seiner Lieblingsposition spielt, zieht er eine Menge Motivation. Er hat sich stabilisiert und gezeigt, dass er ein enorm wichtiger Spieler ist. Wenn Stürmer dann treffen, sind sie gut drauf. Scheinbar ist bei ihm der Knoten geplatzt. Ich hoffe, dass er das in Bremen auch wieder zeigt.

Lieber wäre den Werderanern, wenn er seine Qualitäten erst in der darauffolgenden Woche gegen den 1. FC Kaiserslautern zeigt. Was stimmt sie optimistisch, dass die Wölfe nach diesen beiden direkten Duellen und vor allem am Ende der Saison über dem Strich stehen und die Klasse halten? Zum Einen, dass die Spieler in den letzten Wochen sehr positiv mit der Situation umgegangen sind. Ich denke, dass der Weg, auf dem wir uns befinden, der richtige ist. Auch wenn es bisher nur einen Sieg gab. Wir hatten in den Partien gegen Stuttgart und Frankfurt Pech, dass es nicht schon früher mit einem Dreier geklappt hat. Insofern haben wir fünf Spiele gebraucht für die ersten drei Punkte. Man merkt nun aber im Training, dass zunehmend mehr Lockerheit aber auch Sicherheit in die Mannschaft gekommen ist.

Für WERDER.DE notierte Marco Niesner