Heynckes: "Wir sollten bescheiden nach Bremen reisen"

Werden sich am Sonntag im Weser-Stadion wiedersehen. Die Trainerkollegen Jupp Heynckes und Thomas Schaaf.
Profis
Freitag, 25.02.2011 // 15:28 Uhr

Jupp Heynckes hat in seiner Karriere eigentlich schon alles gewonnen, was es im Profifußball zu gewinnen gibt. Er war Deutscher Meister, Pokalsieger, Weltmeister, Europameister und Champions League-Gewinner. Die Liste könnte noch einige Zeilen lang so weiter gehen. Am Sonntag ist der ehemalige Coach von Real Madrid als Trainer von Bayer 04 Leverkusen zu Gast im Bremer Weser-Stadion. Vor dem Spiel gegen die Elf von Cheftrainer Thomas Schaaf stellte sich Jupp Heynckes in einer Telefonkonferenz den Fragen der Bremer Journalisten. WERDER.DE war dabei und hat mitgefragt.

Herr Heynckes, Bayer Leverkusen ist derzeit auf Tabellenplatz zwei und auch das zweitbeste Auswärtsteam der Liga. Werder steht dagegen im unteren Tabellendrittel. Die Favoritenstellung liegt damit klar bei ihrer Mannschaft. Haben Sie denn einen Tipp parat, wie es die Bremer schaffen können, Leverkusen zu knacken?

Heynckes: Naja, das ist natürlich nicht meine Aufgabe, ihnen das zu erzählen. Das wäre glaube ich nicht besonders klug von mir und eher die Aufgabe von Thomas Schaaf. Aber der Fußball lebt von Überraschungen, von dem Unvorhersehbaren. Das kennt man ja. Wir sind jedenfalls gut beraten, sehr bescheiden nach Bremen zu reisen, um auch da wieder zu versuchen, den Fußball der verganenen Wochen zu spielen. Also erfolgreichen, guten Fußball. Natürlich streben wir einen Sieg an. Das ist doch ganz klar.

Zuhause hat Bremen zuletzt bessere Leistungen geliefert als auswärts. Ist das ein Nachteil für sie?

Heynckes: In Bremen ist es schon immer schwierig gewesen. Auch beim 1:1 gegen Hannover haben die Werderaner gezeigt, dass es auch anders geht, als etwa in Hamburg. Auch gegen Bayern waren sie über weite Strecken die bessere Mannschaft und haben sehr unglücklich verloren. Das kommt in solch einer Situation ja dann alles noch hinzu. Aber daran sehen sie schon, dass die Bremer Mannschaft auch zu guten Leistungen fähig ist Das wissen wir auch und dementsprechend werden wir auch reagieren.

Die Werder-Führung hält klar zu seinem Duo Thomas Schaaf/ Klaus Allofs. Ist das ein Beispiel, was Schule machen sollte?

Heynckes: Ich denke, dass sich Thomas Schaaf das über viele Jahre verdient hat. Mit Klaus Allofs bildet er ein Tandem, das letztlich auch für den Erfolg verantwortlich war. Werder ist ein anderer Verein als viele andere. Ich persönlich finde das gut, angenehm und positiv. Thomas Schaaf ist nicht ein anderer Trainer als vor ein, zwei Jahren, als man regelmäßig in der Champions League spielte. Aber: Mit Naldo und Pizarro sind auch zwei Leistungsträger über viele Wochen und Monate weggebrochen. Da ist es nachvollziehbar, dass man in eine negative Spirale gerät, aus der man nur schwer wieder rauskommt. Nun heißt es an der Weser, weiter kühlen Kopf zu bewahren und weiter alle Anstrengungen zu unternehmen, um das Blatt zu wenden. Das macht es für uns am Sonntag somit nicht einfacher.

Den Abstiegskampf kennen sie noch aus ihrer Gladbacher Zeit. Haben sie damals auch unkonventionelle Methoden ausprobiert?

Heynckes: Nein, das habe ich nicht. Aber sie brauchen natürlich qualitativ gute Spieler, um ein gewisses Niveau zu erreichen und umzusetzen. Und das ist bei Werder Bremen über etliche Jahre der Fall gewesen. Und sie haben immer noch einen guten Kader. Nun muss Werder weiter nach Erfolgserlebnissen streben. Ich hoffe nur, dass sie dass dann erst in den Partien nach uns tun.

Sehen sie derzeit einen Bereich, in dem Bremen besser aufgestellt ist als Leverkusen? Oder anders gefragt: Hätten sie gerne irgendeinen Spieler von Werder in ihrem Kader?

Heynckes: Wir sind zufrieden mit unserem Kader, wie wir ihn haben. Auch wir hatten im letzten Jahr noch verletzungsbedingt Probleme. Zurzeit fehlen bei uns auch Tranquillo Barnetta und Lars Bender, die am Sonntag nicht mit dabei sind. Aber wir haben einen breiten Kader und einen qualitativ guten obendrein. Wenn ich mir das Aufgebot der Bremer anschaue, ist es da ähnlich. Nur ist es doch wirklich so, dass wenn ein Naldo oder ein Pizarro wegbrechen, es eben schwer ist, das zu kompensieren. Unheimlich schwierig sogar. Aber noch einmal: Ich finde nach wie vor, dass der SV Werder Bremen einen guten Spielerkader hat. Nur wenn man erst einmal in so ein Fahrwasser kommt, ist es schwierig, dort wieder heraus zu schippern.

Heynckes lobt Rolfes: "Eine große Persönlichkeit"

Claudio Pizarro und Tim Wiese sind auf Bremer Seite am Sonntag wieder dabei. Torsten Frings ist nach seiner fünften gelben Karte gesperrt. Inwieweit beeinflusst das ihre Vorbereitungen auf die Partie und auch ihre Spielweise?

Heynckes: Natürlich analysiert man den Gegner, wie er spielt und wie er taktisch ausgerichtet ist. Beim Torwart ist es aber natürlich höchstens ein Qualitätsunterschied. Wobei man sagen muss, dass auch der Stellvertreter Sebastian Mielitz sehr gut gehalten hat. Pizarro ist zudem ein Spieler von sehr hoher Qualität. In meiner taktischen Ausrichtung ändert sich deswegen aber überhaupt nichts. Im Gegenteil: Wir werden so agieren, wie in Frankfurt, in Charkow oder auch am Donnerstag in der BayArena.

Sie sind nun in ihrer zweiten Saison bei Bayer tätig. Wie sehr bereitet es ihnen Spaß, mit solch einer jungen Mannschaft zusammenzuarbeiten und wie viel können sie aus dem Team noch herauskitzeln?

Heynckes: Gegenüber dem letzten Jahr hat sich die Mannschaft weiterentwickelt: In der Reife, in der Coolness, in der Cleverness, auch in der Qualität. Natürlich ist der Bundesligatrainer-Job umfangreich und auch stressig, aber seitdem ich hier in Leverkusen bin, habe ich großen Spaß. Es ist ein seriöser Klub mit einer sehr guten Infrastruktur und vor allem einer jungen und entwicklungsfähigen Mannschaft. Es ist auch ein Team, bei dem das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist und die noch Entwicklungspotential hat. Ich denke, dass uns auch André Schürrle, Karim Bellarabi und vielleicht noch der ein oder andere zusätzliche Spieler in der kommenden Saison weiter verstärken werden.

Apropos entwicklungsfähige Mannschaft. Sie haben mit Simon Rolfes einen ehemaligen Bremer in ihre Reihen, der eine wahnsinnige Entwicklung genommen hat. Persönlich wie sportlich. Wird ihrer Meinung nach viel zu viel über Michael Ballack und viel zu wenig über Simon Rolfes geredet?

Heynckes: Sie wissen ja, wenn sich ein Nationalmannschaftskapitän und ein internationaler Topstar wie Michael Ballack zwei Mal verletzt und wiederkommt, ist das Interesse der Medien natürlich groß. Es ist aber nicht so, dass Simons Leistung darunter leidet. Im Gegenteil: Er ist nach einer langen Verletzungspause auf dem Weg zu seiner Bestform und ist ein charakterlich und menschlich wunderbarer Spieler. Er ist nicht nur der Kapitän meiner Mannschaft, sondern auch eine Persönlichkeit auf dem Spielfeld. Ein Leistungsträger. Es macht mir persönlich großen Spaß, mit Simon zusammenzuarbeiten. Ich habe so einen ähnlichen Spieler bei Real Madrid gehabt: Fernando Redondo. Sie sind ein bisschen identisch, beides defensive Mittelfeldspieler und Linksfüßer. Sie haben einen ähnlichen Spielstil, sind beide große Persönlichkeiten.