Werder-Almanach 2010 S bis U - Hemmungslos tragisch

Pizarros Treffer wenige Minuten vor Schluss, brachte noch einmal die große Hoffnung auf ein Happy End.
Profis
Donnerstag, 30.12.2010 // 13:18 Uhr

Zwölf Monate sind wie im Flug vergangen. Höhen und Tiefen, Jubel und Enttäuschung, Abschiede und Rückkehrer. 2010 - wieder ein Jahr mit schönen Momenten und einem besonderen Jubiläum. ...

Zwölf Monate sind wie im Flug vergangen. Höhen und Tiefen, Jubel und Enttäuschung, Abschiede und Rückkehrer. 2010 - wieder ein Jahr mit schönen Momenten und einem besonderen Jubiläum. Nicht leicht, dabei den Überblick zu behalten. Deswegen bietet WERDER.DE zum Jahresende einmal mehr den grün-weißen Almanach an. Werder 2010 von A bis Z, zum Erinnern und Schmunzeln. Heute: Teil 7 - S bis U:

S - hemmungslose Scheibenschießen, das:

Auch nach einer, wahrscheinlich schlaflosen vergangenen Nacht hatte das Achtelfinal-Rückspiel der Europa League Mitte März, Werder Bremens so bitteres Ausscheiden gegen den spanischen Spitzenklub FC Valencia, nichts von seiner Zwiespältigkeit verloren. „Wir haben Dinge gesehen, die wir nicht erleben wollen", sprach Thomas Schaaf unmissverständlich an, „wir haben es aber auch zu einem außergewöhnlichem Spiel gebracht", welches - wieder einmal - in die Annalen einging. 1:1 war das Hinspiel im heißblütigen Hexenkessel „Mestalla" geendet, die darauf folgende Entscheidung artete zum hemmungslosen 4:4-Scheibenschießen aus. Die Grün-Weißen hatten Torchancen in ungekannten Mengen initiiert, sie hatten dem Gegner Torchancen in ungekannten Mengen gewährt - und letzten Endes die schmerzliche Erkenntnis erlangen müssen, ein selten bitteres, unnötiges, unfassbares, groteskes, tragisches Ausscheiden erlitten zu haben. Vor allem auch, weil Valencias dreifachem Torschützen David Villa nicht beizukommen war. Dieser machte, was er wollte, ihm gelang, was er wollte, und er traf insbesondere auch alles, was er wollte. „Es war ein sehr verrücktes Spiel gegen einen so starken Gegner. Manchmal klappt alles, manchmal nichts. Es ist toll, drei Tore gemacht zu haben, aber das ganze Team ist weitergekommen", gab Villa glücklich und genügsam zu Protokoll. Einer atemberaubenden Partie hatte die gebannte Kulisse im Weser-Stadion beiwohnen dürfen, gekennzeichnet von höchstem Tempo, einem nicht zu brechenden Willen der Werder-Elf, ganz gleich wie tief der jeweils zu unmöglichsten Zeitpunkten erlittene Rückschlag auch stach (0:2, 1:3, 3:4). Am Ende, nach Claudio Pizarros 4:4-Ausgleich sechs Minuten vor Schluss, fehlte ein Tor zum Weiterkommen. „Wir haben heute so viele Nackenschläge in dieser Partie erlitten und hätten trotzdem weiter kommen können, ja sogar weiterkommen müssen", sprach aus Geschäftsführer Klaus Allofs noch weit nach Abpfiff die Fassungslosigkeit.

T - Tauziehen, das:

Welch absonderliche Hirngespinste waren der Jugend nur da schon wieder in den Sinn gekommen, werden sich kopfschüttelnde bremische Eltern anno 1899 in ihrem Unverständnis gefragt haben? Ende des 19. Jahrhunderts hatte die auf den britischen Inseln losgetretene Welle, dem neumodischen Zeitvertreib "Fußball" anheim zu fallen, auch die Hansestadt erfasst. Insbesondere die Jugendlichen ließen ihrem Enthusiasmus freien Lauf. Jedoch sahen sich die Fußballbegeisterten in den Gründerjahren über das gesamte Land hinweg intensiver Intoleranz ausgesetzt, gerade von der Mehrzahl der alteingesessenen Turner geächtet - ein fremdländischer, kampfbetonter Mannschaftssport, noch dazu aus England erfreute sich Stück für Stück wachsender Beliebtheit. Doch genau diese Generation der Halbstarken leistete Pionierarbeit unter der Pickelhaube. Das war in Bremen nicht anders. Am 4. Februar 1899 hoben größtenteils 16-jährige Schüler den "Fußballverein 'Werder' von 1899" aus der Taufe. Zuvor hatten sie das Exemplar eines Fußballs beim Tauziehen gewonnen und diesen ausgiebig am Stadtwerder der Praxis unterzogen, womit der Namensfindung ebenfalls entschlüsselt wäre. Der Beginn einer einmaligen Geschichte. Am 4. Februar 2010 versammelten sich ihre Ahnen im historischen Bremer Rathaussaal, um einen Klub zu feiern, der nunmehr „seit 111 Jahren Menschen zusammenbringt, Emotionen erzeugt, Höhen und Tiefen erlebt hat, sympathisch, bescheiden, erfolgreich seine Herausforderungen angeht", wie WERDER.DE beschrieb. Jens Böhrnsen, Präsident des Senats der Freien Hansestadt Bremen, hielt die erste Laudatio: „Ich beglückwünsche Werder zu dieser Erfolgsgeschichte und ich gratuliere dieser Stadt zu diesem Klub. Dieser Verein ist ein grandioser Imageträger. Die Stadt sagt Danke dafür, dass ihr guter Name durch Werder in die Welt getragen wird."

U - Universalist, der:

Ein junger Hoffnungsträger aus Brasilien hatte es den Werder-Verantwortlichen schon seit einiger Zeit angetan. Doch für die Verpflichtung von Wesley, der damals noch an den FC Santos gebunden war, benötigte es monatelange Beharrlichkeit und Geduld. „Dafür sind wir belohnt worden", ergänzte Geschäftsführer Klaus Allofs überglücklich, als das zähe Ringen mit dem Transfer Ende August endlich von Erfolg gekrönt wurde. Und welches Juwel die Grün-Weißen da langfristig an sich binden konnten, bewies der erst 23-Jährige - im Oktober folgte übrigens das Debüt in der brasilianischen Selecao - sofort. Integrationsdefizite in die Mannschaft? Nicht im Geringsten! Anpassungsschwierigkeiten an die raue Bundesliga-Luft? Keine Sekunde lang! Blitzartig erlangter Status: Kategorie ‚Alleskönner‘! Nahezu. „Wesley ist so vielseitig. Wenn er nicht so kleine Hände hätte, würde ich ihn auch noch als Torwart bringen." Diese Aussage von Thomas Schaaf darf durchaus als augenzwinkernde Heiterkeit verstanden werden, vielmehr jedoch auch als öffentliche Laudatio, wie sie der Cheftrainer nachweislich nicht aller Tage individual verteilt. Die Meinung von Klaus Allofs steht dem in nichts nach: „Er hat einen unglaublichen Aktionsradius, ihm ist kein Weg zu weit. Außerdem ist er sehr wissbegierig und möchte jeden Tag dazu lernen." Dieser Wesley verrichtet sein Tagwerk nicht nur beständig und zuverlässig auf absolut hohem Niveau, er schafft es sogar auf jeglichen ihm bislang angetragenen Positionen - die gut und gerne auch mitten im Spiel wechseln können. Im Mittelfeld wahlweise auf der rechten Seite, auf der linken Seite, in der zentralen Defensive, in der zentralen Offensive, aber auch als rechter- und linker Außenverteidiger. Ein seltener Universalist des Fußballfachs, so mannigfaltig interessiert und begabt. „Aber ich versuche einfach immer der Mannschaft zu helfen", entschuldigt er sich fast. Eine angenehme Bescheidenheit zeichnet ihn also auch noch aus.