Werder-Almanach 2010 - J bis L: 111 Steine der Erleichterung

Grün-Gold: Zum 111-jährigen Bestehen des Vereins liefen Werders Profis im Heimspiel gegen Hertha BSC Berlin in einem Jubiläumstrikot auf.
Profis
Montag, 27.12.2010 // 13:12 Uhr

Zwölf Monate sind wie im Flug vergangen. Höhen und Tiefen, Jubel und Enttäuschung, Abschiede und Rückkehrer. 2010 - wieder ein Jahr mit viele schönen Momenten und einem besonderen Jubiläum ...

Zwölf Monate sind wie im Flug vergangen. Höhen und Tiefen, Jubel und Enttäuschung, Abschiede und Rückkehrer. 2010 - wieder ein Jahr mit viele schönen Momenten und einem besonderen Jubiläum. Nicht leicht, dabei den Überblick zu behalten. Deswegen bietet WERDER.DE zum Jahresende einmal mehr den grün-weißen Almanach an. Werder 2010 von A bis Z, zum Erinnern und Schmunzeln. Heute: Teil 4 - J bis L:

J - Jubiläumspräsent

Fünf Bundesliga-Niederlagen in Folge können doch einen 111-Jährigen nicht erschüttern. Mitten in die Festlichkeiten des besonderen Vereinsjubiläums hinein steckte die Bundesliga-Mannschaft der Grün-Weißen Anfang Februar in einem winterlichen Leistungstal. Cheftrainer Thomas Schaaf machte daraus vor dem Heimspiel gegen Hertha BSC kein Geheimnis: „Es hat bessere, lockere, freiere Tage gegeben als im Moment." Die Konkurrenz von ganz oben war im Begriff, sich abzusetzen. Werder hing auf Rang sechs fest. Aber - in solchen Situationen braucht es eben einfach die Erfahrung, den Riecher, die Beharrlichkeit, die Unerschütterlichkeit, das Nichtverzagen, das Erzwingen. In solchen Situationen braucht es eben: Claudio Pizarro. Selbst, wenn es gegen einen an diesem Abend heroischen Tausendhänder wie Herthas Torwart Jaroslav Drobny lange Zeit keine wie auch immer geartete Form des Überwindens zu geben schien. Nicht nur viele seiner Teamkollegen, auch der Peruaner bekam das zuhauf am eigenen Leib zu spüren. Dann endlich - neun Minuten vor Ultimo beim Stand von 1:1 - belohnte Pizarro sich und seine Elf für die großen Mühen. „Wir hätten heute die Saison richtig versauen können, aber jetzt bleiben uns noch einige Spieltage, um wieder den Anschluss an die ersten fünf Plätze herzustellen", sagte Peter Niemeyer hoffnungsfroh. Das schönste Jubiläumspräsent für den Jubilar bereite also die Mannschaft. „Mindestens 111 Steine der Erleichterung, die von jedem Werder-Herzen fielen", zählte das Sonderheft der Grün-Weißen. Der befreiende 2:1-Heimsieg gegen den Tabellenletzten Hertha BSC sollte zu einem fundamentalen Wegweiser der restlichen Saison werden.

K - König

Ganz unspektakulär, ohne Bedrängnis eines Gegenspielers, ein gezielter Pass über wenige Meter, so sollte Mesut Özil an jenem Augustnachmittag seinen letzten Assist im Trikot von Werder Bremen vollbringen. Claudio Pizarro erreichte die Vorbereitung und erledigte danach die Schwerstarbeit. Der Peruaner drehte sich, wackelte Gegenspieler Cédric Mimbala mit einem gekonnten Hüftschwung aus, um den Ball darauf aus zwölf Metern zur 1:0-Führung ins lange Eck zu schlenzen. Özil wurde später in der 61. Minute ausgewechselt. 4:0 gewannen die Grün-Weißen letztendlich den DFB-Pokalauftakt bei Rot-Weiß Ahlen. Drei Tage später stand fest, dass der 21-Jährige mit sofortiger Wirkung zu Real Madrid wechselt, nachdem der spanische Rekordmeister „am Ende im Vergleich zum Ursprungsangebot einen großen Schritt machen musste", wie Geschäftsführer Klaus Allofs informierte. „Wir respektieren damit Mesuts Wunsch, schon jetzt den nächsten Schritt in seiner Karriere zu gehen", schloss er an. Auch wenn „wir uns einig waren, dass ein oder zwei Jahre Werder für Mesut noch sinnvoll sein können und wir vor der WM dicht dran waren, konstruktive Gespräche hatten, die aber nicht die nötige Klarheit brachten." Özil entschied sich stattdessen für den direkten großen Sprung - zu Real Madrid, jenem Klub, der alles gewonnen hat und dessen Wappen eine Krone ziert. „Heute ein König" titelte 11freunde.de in Anlehnung an einen bekannten Werbespruch. „Wir wissen, dass Mesut ein Spieler ist, der besondere Dinge darstellen kann. Deshalb war er ja auch umworben. Wir trauen ihm noch weitere Schritte zu und wünschen ihm das natürlich auch immer noch", gab ihm Cheftrainer Thomas Schaaf mit auf den Weg. Unter dessen Förderung hatte sich der Rohdiamant in Windeseile, in gut zweieinhalb Bremer Jahren zu einem der auffälligsten Bundesliga-Akteure, zur Stammkraft in der Nationalmannschaft und - am vorläufigen Höhepunkt - zur prägenden Offensivfigur der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika entwickelt.

L - Lampenfieber

Auf einmal ging alles ganz schnell. Als klar war, dass es für den verletzten Tim Wiese nicht mehr weiterging, musste Sebastian Mielitz bereit stehen. Ein plötzlicher Einsatz in der Champions League, dem bedeutendsten Vereinswettbewerb des Kontinents, im Auswärtsspiel bei Twente Enschede. Es gibt sicherlich angenehmere Möglichkeiten der Vorbereitung für einen 21-jährigen Königsklassen-Debütanten. Doch mit dem Selbstverständnis eines erfahrenen Arbeitnehmers, der an jedem Morgen eines Wochentages traumwandlerisch den Weg ins Büro findet, beschritt das Torwart-Talent zehn Minuten vor dem Pausenpfiff seinen Hauptwirkungskreis im Sechzehnmeterraum des Stadion „De Grolsch Veste". Wurden seine Glieder in diesen Augenblicken von schwirrendem Lampenfieber durchfahren? Mitnichten. „Das Adrenalin bringt den Körper dann schnell auf Temperatur", wusste Mielitz erfahrungsreich zu berichten. „Es ist der Traum eines jeden Kindes, in der Champions League zu spielen." Das Eigengewächs erfüllte ihn sich in bravouröser Manier. Vor allem, indem er vier Minuten vor dem Abpfiff Werders 1:1-Unentschieden durch eine imposant gelöste Eins-gegen-Eins-Situation im Duell mit Theo Janssen rettete. In ähnlich souveräner Manier beschrieb er die Tat später: „Da habe ich versucht, lange stehen zu bleiben und das hat gut geklappt. Ich habe nur auf den Ball geachtet und der Arm ging automatisch raus." Kaum drei Tage später brachte Sebastian Mielitz dank einer Vielzahl von Super-Reflexen sein Team in Mönchengladbach auf die 4:1-Siegerstraße. Er selbst konnte die Flut der Ereignisse direkt nach Abpfiff kaum fassen: „Ich habe noch gar nicht so richtig realisiert, was hier heute abgelaufen ist." Sprach‘s und entsandte via Sky-Mikrofon erstmal beste Grüße an „Mama, Papa, Freundin und Oma."