Brüggemann: "Jetzt muss die Mannschaft Tore schießen!"

Frauentrainerin Birte Brüggemann im Gespräch mit Nationalspieler Torsten Frings. Er kennt auch die Höhen und Tiefen während einer langen Saison.
Frauen
Freitag, 01.05.2009 // 16:36 Uhr

Spannender könnte der Aufstieg in die 2. Frauenfußball-Bundesliga kaum ausgespielt werden. Nachdem Überraschungs-Aufsteiger Werder Bremen sich kurz nach der Winterpause an die Spitze gesetzt hatte, aber zuletzt drei Mal in Folge nicht gewinnen konnte, patzte nun auch Aufstiegs-Favorit BV Cloppenburg und zog nicht wie erwartet an den Bremerinnen vorbei. Beide Teams trennen vier Spiele vor dem Ende nur ein Punkt. Werder-Trainerin Birte Brüggemann stellte sich vor dem Endspurt den Fragen zu Aufstiegskrimi, Verletzungssorgen und Planungs-Unsicherheit.

 

Frau Brüggemann, wie oft haben sie in den vergangenen Wochen Herzattacken bekommen? Das war ja ein ständiges Auf und Ab.

So schlimm war es körperlich nicht. Es gab ja eigentlich nur die Höhe nach den beiden Siegen zum Rückrunden-Auftakt, aber nach dem Spiel gegen Cloppenburg (5:2), in dem wir die Tabellenspitze übernommen haben, durchliefen wir ein langes Tal. Zunächst, gegen Jesteburg (3:2) und Burg Gretesch (2:1), haben wir noch glücklich die richtigen Ergebnisse eingefahren, aber die Leistungen unserer jungen Mannschaft waren auch da schon nicht mehr so gut. Irgendwann gewinnst du dann auch die Spiele nicht mehr. Der Tiefpunkt waren die beiden Spiele gegen Ahlerstedt (0:1) und Delmenhorst (2:2). Da war nichts zu sehen von unseren frechen, motivierten Aufsteigerinnen.

 

 

Sie haben solche Phasen vorausgesagt, aber zuhören wollte ihnen eigentlich niemand. Wie groß war trotz allem die Enttäuschung?

Von Enttäuschung kann keine Rede sein, die Mannschaft hat mich über die gesamte Saison gesehen positiv überrascht. Ich habe nicht umsonst gesagt, dass wir in dieser Liga erst einmal ankommen wollen. Platz drei bis fünf war unser Ziel vor der Saison. Jetzt liegen wir trotz aller Widrigkeiten vier Spiele vor Saisonende einen Punkt vor den Favoritinnen aus Cloppenburg.

 

Jetzt muss man doch einfach Meister werden wollen?

Natürlich sind wir vorsichtig mit solchen Aussagen, weil wir erst in den letzten Wochen gesehen haben, wie schwer es ist, ganz oben zu stehen. Platz eins hat uns bisher nicht wirklich gut getan. Aber ich habe auch das Gefühl, dass wir langsam damit umgehen können. Die Mannschaft darf nicht immer auf die Tabelle schauen und muss sich auf jedes Spiel konzentrieren. Gegen Timmel (2:2) waren wir schon wieder besser, da war der Einsatz und Wille da, der notwendig ist, um aufzusteigen. Das peilen wir jetzt natürlich auch an. Cloppenburg hat uns noch mal ins Spiel gebracht und wir wollen sie mindestens noch ein bisschen ärgern.

 

Wenn man sich ihre Verletztenliste anschaut, könnte man denken, dass ihre Spielerinnen in der Reihenfolge der Torschützenliste ausfallen. Ausnahmestürmerin Nahrin Uyar (Mittelfußbruch) fällt nach einem Foul gegen Timmel aus. Mit Katharina Hamann (Kreuzbandriss) und Katharina Haar (Sprunggelenksverletzung) fehlen die drei torgefährlichsten Spielerinnen. Dazu noch die schwere Knieverletzung von Kapitänin Chadia Freyhat nach einem Foul im Derby gegen Delmenhorst. Wie ist das zu erklären?

Das ist natürlich eine außergewöhnliche Verletzungsmisere, mit der wir kämpfen. Erklärungen dafür sind vielschichtig. Ein Aspekt ist sicherlich, dass wir in der Rückrunde mit Ausnahme des BV Cloppenburg auf sehr defensiv eingestellte Mannschaften treffen. Das ist dann oft gepaart mit Härte und destruktiver Spielweise. Unsere spielstarken Spielerinnen haben sich in der Hinrunde einen Namen gemacht und jetzt wurde ihnen zum Teil eine „sehr intensive Bewachung“ zugeordnet. Ich wünschte mir manchmal, dass die Spielerinnen, die mit dem Ball umgehen können, besser von den Schiedsrichterinnen geschützt werden.

 

 

Wir haben von Ihnen aber auch schon Kritik an Unparteiischen gehört, die viel zu oft den Spielfluss unterbrechen?

Das schließt sich auch nicht aus. Leider sind viele Schiedsrichterinnen sehr unberechenbar in ihren Entscheidungen. Da werden harmlose Zweikämpfe ständig abgepfiffen und dann gibt es wieder Szenen, in den nur die Gegenspielerin das Ziel ist und das Spiel weiterläuft – alles in einer Partie, mit der gleichen Spielleitung. Ich bin grundsätzlich für einen intensiven, harten Körpereinsatz im Kampf um den Ball. Ich bin aber auch dafür, dass Unparteiische rechtzeitig Grenzen setzen, wenn es offensichtlich nur darum geht, eine Spielerin mit ständigen Attacken aus dem Spiel zu nehmen. Unsere Stürmerin Nahrin Uyar hat es jetzt gegen Ende der Saison getroffen. Wer ihre Füße und Schienbeine während der Spielzeit mal gesehen hat, fragte sich eigentlich nur, wann sie länger ausfallen würde. Vor ihr muss man den Hut ziehen, wie oft sie einfach immer wieder aufgestanden ist und weitergespielt hat. Das Spiel in Delmenhorst war ebenfalls ein Paradebeispiel dafür, wie ein Gegner nur auf körperliche Härte setzt, um uns aus dem Spiel zu bringen. Natürlich ist das ein Mittel, auf das ich als Trainerin auch zurückgreife, wenn wir gegen spielerisch stärkere Teams bestehen wollen, aber die Schiedsrichter müssen das erkennen und einschreiten. Wenn das nicht geschieht, passieren eben übermotivierte Aktionen, die unsere Kapitänin Chadia Freyhat eine Knieverletzung bescheren, bei der Ärzte nicht glauben wollen, dass es beim Fußball passiert ist. Sie wird darum kämpfen müssen, überhaupt noch mal leistungsorientierten Fußball spielen zu können.

 

Wie gehen die Mitspielerinnen mit der Situation um? Geht jetzt die Angst um?

Quatsch, alle lieben Fußball und damit auch die Zweikämpfe, das körperbetonte Spiel. Jeder weiß, dass Verletzungen dazu gehören, auch wir teilen mal aus, auch wir schießen mal über das Ziel hinaus. Dennoch stehe ich zu meinem Appell an die Schiedsrichter, nachvollziehbarer, mit konstantem Maß zu pfeifen.

 

Wer soll jetzt auf der Aufstiegskampf-Zielgeraden die Tore schießen?

Die Mannschaft! Wir wissen alle, dass wir diese einzelnen Akteurinnen nicht eins zu eins ersetzen können. Aber ich traue meiner Mannschaft eine Geschlossenheit, einen Zusammenhalt, einen Siegeswillen zu, der das vielleicht auffangen kann. Gegen Timmel hat eine unserer Innenverteidigerinnen, Christin Chairsell, die Kugel mit aller Entschlossenheit über die Linie gedroschen. Es war ihr erstes Regionalliga-Tor. So kann es gehen. Andere müssen Verantwortung übernehmen. Die Mannschaft hat genug Typen und auch noch brach liegendes Potenzial, dass vielleicht in dieser besonderen Konstellation abgerufen wird.

 

 

Laufen eigentlich im Hintergrund Planungen für die 2. Bundesliga?

Das wäre doch blauäugig, wenn wir dafür nicht parallel planen würden. Das wird auch in Cloppenburg so sein. Alle Anwärter auf die zweite Bundesliga, mussten ja ihre Bewerbungen schon im Frühjahr einreichen. Seitdem beschäftigen wir uns auch damit. Gerade deswegen ist uns auch völlig bewusst, wie riesig dieser Sprung wäre. Eigentlich käme er für uns noch etwas früh. Aber riesige Herausforderungen motivieren ja zusätzlich.

 

Was würde den Aufstieg denn so schwer machen?

Schauen sie sich die Aufsteiger aus der Regionalliga Nord in die zweithöchste Spielklasse an. Sie haben es immer schwer gehabt. Gersten und Mellendorf werden bis zum letzten Spieltag im Abstiegskampf stecken. So ein Abstieg ist dann immer auch eine große Belastungsprobe für die Klubs. Das sind auch schon Vereine ganz in der Versenkung verschwunden. Das wollen wir auf jeden Fall vermeiden. Wir müssten uns mit Spielerinnen verstärken, die bereits Erfahrungen in der höheren Liga haben. Dazu braucht ein Aufsteiger einen guten Unterbau in einer weiteren Frauenmannschaft sowie entsprechenden Nachwuchs. Die Saison zeigt ja wie schnell der Kader schrumpfen kann. Außerdem muss man viermal in der Woche trainieren, damit man bei dem Tempofußball nicht zum Kanonenfutter wird. Und das alles muss mit den beruflichen Verpflichtungen der Spielerinnen und des Betreuerteams unter einen Hut gebracht werden. Wie fast überall im Frauenfußball wird das ganze Projekt auch bei uns fast komplett von ehrenamtlichen Helfern getragen.

 

Das Interview führte Michael Rudolph