"Vorbilder des Alltags"

#50JahreFF: Freyhat, Eta und Hausicke blicken auf ihre Sportart
Freyhat, Eta und Hausicke, ordnen den Frauenfußball ein (Fotos: nordphoto / hansepixx).
Frauen
Dienstag, 03.11.2020 / 18:12 Uhr

Von Marcel Kuhnt und Lukas Kober

Die Geschichte der Werderfrauen hat große Persönlichkeiten hervorgebracht. Chadia Freyhat, Marie-Louise Eta und Lina Hausicke sind nur einige wenige davon, doch sie verbindet eine gemeinsame Veranwortung: Sie sind alle grün-weiße Kapitäninnen. Auch wenn Eta und Freyhat unlängst die Fußballschuhe an den Nagel gehangen haben, bleiben sie Trägerinnen ihres Amtes. Anlässlich des Jubiläums zu 50 Jahren Frauenfußball, berichten die drei Frauen über ihren Weg in den Fußball, beziehen Stellung zur Entwicklung der Sportart und richten eine Ansprache an alle Sport-Fans. 

"Ich war eigentlich nur zum Zugucken dort"

WERDER.DE: Wie war dein Weg zum Fußball und wie wurde das im persönlichen Umfeld wahrgenommen?

Chadia Freyhat: Da wo ich aufgewachsen bin haben immer nur Jungs Fußball gespielt. Irgendwann durfte ich dann mitspielen und habe mich wohl gar nicht so dumm angestellt. So kam eins zum anderen. Am Ende ist es so, solange man gut war, wurde man auch akzeptiert. Da hat es gar keine Rolle gespielt, ob Junge oder Mädchen. Es ging darum, wer die meisten Tore schießt. Wir wollten alle zusammen gewinnen. Am Anfang war es für meinen Vater schwierig, aber als die Leute positiv über mich gesprochen haben, ich in den Zeitungen stand und er auch mit zu meinen Spielen gegangen ist, war das schnell kein Thema mehr.

2015 führte Chadia Freyhat die Werderfrauen in die Bundesliga (Foto: Gloth).

Marie-Louise Eta: Seitdem ich denken und gehen kann, bin ich immer mit dem Ball unterwegs gewesen. Mein Papa hat mit mir seine Leidenschaft geteilt, weshalb ich den Fußball schon früh im Herzen trug. Auf dem Platz haben die Kinder nie den Unterschied zwischen Jungs und Mädchen gemacht, sondern zumeist die Erwachsenen. Da kamen auch mal Sprüche, die die Kinder natürlich angeleitet haben, genauso zu denken. Unter uns waren eigentlich immer alle unvoreingenommen, da ging es um Leistung, Spaß und Freude am Fußball. Leider musste ich erfahren, je älter ich wurde, desto mehr kritische Stimmen begegneten mir.

Lina Hausicke: Ich bin über meinen Bruder zum Fußball gekommen. Seine Mannschaft nahm am Turnier teil und ich war eigentlich nur zum Zugucken dort. Nachdem klar wurde, dass einer fehlt, kamen sie auf mich zu und haben mich gefragt, ob ich nicht mitspielen möchte. So bin ich im Fußball hängen geblieben. Dann habe ich lange mit den Jungs gespielt, weil es bei mir im Heimatverein keine Frauenfußballmannschaft gab. In meinem persönlichen Umfeld war das sehr akzeptiert, die Jungs aus meinem Team fanden das total gut, allerdings hat mein Opa gesagt, dass ich nicht so einen harten Sport machen könne, denn das sei doch kein Mädchensport. Er hat zwar nie miterlebt wie meine Karriere weiterging, aber ich weiß, dass er heute stolz auf mich wäre.

"Da sehe ich großen Entwicklungsbedarf, egal ob für Jungs oder Mädchen."

WERDER.DE: Was sind die nächsten Schritte, die der Frauenfußball gehen muss?

Chadia Freyhat: "Der Frauenfußball muss definitiv mehr Geld in den Sport kriegen. Es ist so, dass es - bis auf wenige Ausnahmen - für viele Bundesligisten schwierig ist, in der Liga zu bleiben oder Spielerinnen zu bezahlen. Viele Frauen sind nicht nur Vollprofis, sondern studieren oder arbeiten nebenbei, um sich nicht nur zu finanzieren, sondern um zu existieren. Sonst bleibt der Frauenfußball am Ende eine brotlose Kunst."

Marie-Louise Eta stieg mit dem SVW zwei Mal in die Bundesliga auf (Foto: Gloth)

Marie-Louise Eta: Der Frauenfußball hat in den vergangenen Jahren schon viel erreicht und eine enorme Entwicklung genommen. Ich glaube, dass allerdings weiterhin große Potentiale vorhanden sind. Der Frauenfußball könnte beispielweise medial noch viel präsenter sein und beworben werden. Zudem würde ich mir wünschen, dass jeder Männer-Lizenzverein auch Mädchen und Frauen die Möglichkeit bietet, bei ihnen Fußball zu spielen. Dabei ist es dann aber auch wichtig, dass die Unterstützung und Wertschätzung gegeben ist und auch gelebt wird. Die Abteilung sollte dann nicht nur vorhanden sein, um sie einfach lediglich auf dem Papier zu besitzen. Ich bin mir sicher, dass jeder Verein davon profitieren könnte, eine Frauenfußballabteilung zu haben. Einer der wichtigsten Punkte ist für mich aber auch, dass immer einzelne Talente im Vordergrund stehen, dementsprechend auch gefördert und individuell betreut werden müssen. Das beginnt somit also auch schon bei der bestmöglichen Ausbildung der Trainer, vor allem im Jugendbereich. Da sehe ich ebenfalls großen Entwicklungsbedarf, egal ob für Jungs oder Mädchen.

Lina Hausicke: Ich finde man merkt schon, dass immer mehr Männervereine auch Frauenfußballabteilungen gründen. Aktuelles Beispiel ist Borussia Dortmund, Eintracht Frankfurt oder auch Real Madrid, die eine ganze Frauenmannschaft aufgekauft haben. Ich finde, da ist ein Trend zu erkennen. Das ist sehr positiv, weil in den Vereinen schon eine Struktur vorgegeben ist, was enorm hilft. Es ist für reine Frauenvereine sehr schwierig, das aufzuholen. Zudem sollte auch gerade in der Corona-Krise darauf geachtet werden, dass man unsere Spiele live überträgt, sonst droht hier, der Anschluss zum Fan verloren zu gehen.

"Ich kann es nur empfehlen"

WERDER.DE: Als Kapitänin ist man nicht nur Lautsprecher auf dem Platz, sondern auch daneben. Wenn du allen Sport-Fans etwas sagen könntest: Wieso soll man sich für den Frauenfußball begeistern?

Chadia Freyhat: "Am Ende ist es Fußball. Das sagt schon alles. Wenn ich sehe auf welchem Niveau wir technisch, taktisch und athletisch arbeiten, kann man aus vollster Überzeugung sagen, dass ein Frauenfußballspiel ein Fußballspiel auf hohem Niveau ist. Auch wir probieren jeden Tag noch professioneller zu sein, noch mehr Akzeptanz zu finden, mehr Leidenschaft reinzuhauen und noch mehr gesehen zu werden. Ich kann es nur empfehlen."

Seit dieser Saison ist sie die neue Kapitänin der Werderfrauen: Lina Hausicke (Foto: hansepixx).

Marie-Louise Eta: Ich werde niemanden überreden. Die Begeisterung sollte von ganz alleine kommen. Ich würde mir wünschen, dass die nötige Offenheit und der Respekt gegenüber der Sportart, den Frauen und Mädchen entgegengebracht wird. Frauenfußball ist ein sehr ehrlicher Sport, bei dem viele tolle Persönlichkeiten und Vorbilder des Alltags herumlaufen. Die Spielerinnen lassen ihr Herz auf dem Platz, was dem Frauenfußball seine Authentizität verleiht. Letztendlich kann sich jeder für den Sport begeistern, wenn er sich die Zeit nimmt, sich mehr als nur oberflächlich damit zu beschäftigen. Wer sich nicht damit auseinandersetzen will, muss das ja aber auch nicht tun, sollte dann aber auch nicht urteilen oder sich abfallend über Spielerinnen oder den Sport allgemein äußern. Jeder soll das tun dürfen, worauf er wirklich Lust hat, ohne einen Unterschied zwischen Mann und Frau zu machen. Das gilt nicht nur für den Sport, sondern für das alltägliche Leben.

Lina Hausicke: Die Frauenfußballspiele sind sehr attraktiv geworden. Es ist gute Stimmung und die Spiele werden auf hohem Niveau ausgetragen. Gerade in der Bundesliga ist die Dichte an guten Mannschaften sehr hoch. In der Spitze und im Mittelfeld sind die Vereine in den vergangenen Jahren nochmal zusammengerückt. Das heißt, fast jeder kann jeden schlagen. Die Liga wird offener und dadurch entsteht bei fast jedem Spiel richtig Spannung.

 

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