Frauenfußball hat eigene Gesetze

Birte Brüggemann und Doreen Meier treiben den Frauenfußball in ihren Vereinen voran.
Frauen
Donnerstag, 01.01.1970 // 01:00 Uhr

Gemeinsam haben Werders Abteilungsleiterin Birte Brüggemann und Leverkusens Trainerin Doreen Meier im WM-Jahr 2006 die DFB-Fußball-Lehrer-Ausbildung absolviert und prägen seit vielen Jahren den Frauenfußball in Deutschland. WERDER.de hat die Frauenfußball-Expertinnen an einen Tisch geholt.

Werder Bremen gegen Bayer Leverkusen, wann gibt es das Duell in der 1. Frauen-Bundesliga?
BRÜGGEMANN: In der nächsten Saison noch nicht. Wir müssen sportlich und außersportlich noch wachsen, um dann stabiler in die BL zu gehen. Die Zeit wollen wir uns auch nehmen, das ist unser Konzept.

MEIER: Erst einmal haben wir die Klasse gehalten, wir sind auf einem guten Weg. Selbiges gilt aber auch für Werder Bremen, der eingeschlagene Weg ist erfolgsversprechend. Ich würde mich freuen, wenn es in den nächsten Jahren zu packenden Duellen zwischen unseren Mannschaften nicht nur bei den Männern kommen würde.

Werder hat den Frauenfußball langsam aufgebaut, Leverkusen ist bereits in der 2. Liga eingestiegen. Welcher Weg ist denn nun der richtige?
MEIER: Es gibt keinen richtigen oder falschen Weg. Entscheidend ist, dass sich alle Beteiligten mit den Vereinszielen identifizieren. Bei Bayer 04 hatten wir keinen Zwang, sofort aufsteigen zu müssen. Wir wollten lediglich versuchen, mit dem Konzept der Männer, junge Talente mit Nationalmannschaftsbezug an den Verein zu binden und attraktiven erfolgreichen Fußball zu spielen, entsprechend zu punkten. Dass es dann direkt so erfolgreich war, konnten wir nicht ahnen. In der Geschichte des Frauenfußballs bei Bayer 04 spielt Werder Bremen übrigens eine große Rolle. Als Bayer 04 sich seinerzeit umgeschaut hat, wie man das „Thema Frauenfußball" angeht, hat man sich verschiedene Konzepte angeschaut. Somit auch das Bremer-Modell.

BRÜGGEMANN: Ich kann mich Doreen nur anschließen. Für Werder und auch die Region Bremen ist das der richtige Weg. Wir haben in vier Jahren bereits sehr viel geleistet.

Leverkusen spielt in der 1. Liga, Werder in der 2. Liga. Wie groß ist noch der Unterschied zwischen den beiden Ligen?
MEIER: Wir haben diesen Unterschied zu Beginn der Saison feststellen müssen, als wir unser Auftaktspiel beim FCR 2001 Duisburg mit 0:9 verloren. In der Bundesliga wird schneller und dreckiger gespielt, jeder Fehler wird bestraft. An das deutlich höhere Tempo mussten sich meine Mädels auch erst gewöhnen.

Sie arbeiten beide für klassische Herren-Bundesligisten. Welche Vorteile/Nachteile bringt das mit sich?
MEIER: Nachteile sehe ich keine. Die Infrastruktur ist bei einem Männer-Bundesligisten in allen Belangen top. Dies merke ich insbesondere immer in kleinen Details. Die Trainingsbedingungen für meine Mädels sind sensationell, wir nutzen die gleichen Einrichtungen wie die Profis. Wir sind ein Teil des Vereins, dies spüren wir jeden Tag.

BRÜGGEMANN: Ich sehe auch nur Vorteile und habe viel Unterstützung aus den eigenen Reihen. Der Frauenfußball hat seine Räumlichkeiten im Leistungszentrum. Wir sind angekommen und gehören zur Werder-Familie.

Wie ist ihr Kontakt zu den Profis und weiteren Teams/Trainerkollegen?
MEIER: Der Kontakt zu den Profis ist wird immer enger. Meine Mädels schwärmen immer vom gemeinsamen Training im neuen Trainingscenter der BayArena. Dort trainieren die Lizenzspieler teilweise zeitgleich mit den Spielerinnen. Mit den Trainerkollegen findet auch ein positiver Austausch statt. Egal, ob Jupp Heynckes bei den Profis oder Ulf Kirsten bei Bayer 04 II. Wir stehen im Kontakt und spüren auch hier eine absolute Wertschätzung.

BRÜGGEMANN: Bei uns ist es ähnlich, auch wenn der Kontakt eher zu den Mannschaften des Leistungszentrums enger ist. Ich schaue gerne Spiele unserer Teams an, da man immer etwas dabei lernen kann.

Schauen sie schon ab und an neidisch auf ihre männlichen Kollegen rüber?
MEIER: Neid ist immer ein schlechter Berater. Ich schaue gerne beim Training der Männer von Bayer 04 zu, weil wir hier von vielen Dingen lernen können. Ich bin eher stolz, ein Teil dieses Vereins sein zu dürfen. Ich habe hier meinen Traumjob gefunden und spüre dies jeden Tag.

BRÜGGEMANN: Jeder hat sein Päckchen zu tragen und muss für sich entscheiden, wie zufrieden er ist. In manchen Punkten würde ich gerne mit den Männern tauschen, in anderen nicht. Ich habe einige Jahre im Juniorenfußball gearbeitet und habe nun einen sehr spannenden Job, der mich täglich fordert und Spaß macht.

Sie haben beide die DFB-Fußball-Lehrer Ausbildung absolviert. Wie muss man sich das als Frauen unter einem ganzen Haufen Männern vorstellen?
MEIER: Es hat sich in den letzten Jahren viel getan beim DFB in Sachen Ausbildung. Wir müssen aber immer noch berücksichtigen, dass die Bedingungen für Frauen, diese Qualifikation zu erwerben, sehr schwierig sind. Neben dem Kostenfaktor spielt auch die Zeit eine große Rolle. Ich habe mich für den Trainerschein eine gewisse Zeit vom Schuldienst befreien lassen. Birte und ich allein unter Männern, das war schon eine spannende Zeit. Ich denke, dass die Männer schnell gemerkt haben dass wir vielleicht körperlich nicht so ganz auf dem Platz mithalten können, aber in der Theorie und der Erstellung von Lehrproben und Trainingsplänen uns durchaus auf Augenhöhe befinden. Wir hatten jedenfalls überwiegend viel Spaß und stehen heute noch mit dem ein oder anderen heutigen Bundesliga-Trainer in Kontakt.

BRÜGGEMANN: Ich denke auch, dass wir dem Lehrgang ganz gut getan haben. Leider mussten wir in der einen oder anderen Situation aber auch einstecken. Es war daher optimal, dass wir nicht alleine unter Männern waren. Zudem habe ich eine Menge Geld gespart, weil die Kollegen teilweise meine Getränke abends übernommen haben (lacht).

Wo sehen Sie die größten Unterschiede zwischen dem Herren- und dem Frauenfußball?
MEIER: Sportlich sollte man niemals den Fehler machen, und Männer- und Frauenfußball miteinander vergleichen. Technisch sind die Spielerinnen - auch bedingt durch die Förderung des DFB - immer besser geworden. Spielverständnis und Taktik spielen auch eine große Rolle. Wir können uns glücklich schätzen, bei einem solchen Verein spielen zu dürfen, wenn man die ganzen positiven Randerscheinungen betrachtet.

BRÜGGEMANN: Ein riesiger Unterschied besteht in der Mannschaftsführung. Man muss akzeptieren, dass es eigene Gesetze gibt. Frauen sind viel emotionaler und denken häufig im „Wir" und an Gerechtigkeit. Das fordert vom Umfeld viel Lernbereitschaft und soziale Kompetenz.

Leverkusen ist Austragungsort bei der Weltmeisterschaft. Spürt man schon das WM-Feeling?
MEIER: Seit Anfang Januar hat die Außenstelle des WM-Organisationskomitees in Leverkusen geöffnet, das WM-Büro der Stadt Leverkusen ist sehr engagiert. In Leverkusen spürt man bei jeder Veranstaltung, dass es bald losgeht - ohne aber auch die Nachhaltigkeit für unseren Sport zu vergessen.

Wird sich die WM denn nachhaltig auf den Frauenfußball in Deutschland auswirken?
MEIER: Dies muss das große Ziel sein. Die Nachhaltigkeit für den Mädchen- und Frauenfußball aus der WM zu ziehen, wird keine leichte Aufgabe. Wir haben es doch bei der Handball-WM 2007 gesehen. Es gibt keine nennenswerten Steigerungen. Der DFB geht hier aber sehr realistisch mit der Situation um. Ich bin aber überzeugt, dass sich der große Aufwand lohnen wird.

BRÜGGEMANN: Die Weltmeisterschaft muss positive Konsequenzen haben. Ich hoffe zum Beispiel, dass immer mehr Mädchen in Schule und Verein die Tür geöffnet wird.

Interview: Norman Ibenthal