"Meine heimliche Yacht haben sie noch nicht gesehen"

01.05.2011, 12:26:27 Uhr

 
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Alles Gute, Thomas Schaaf. Werders Chefcoach feierte am Samstag, 30.04.2011, seinen 50. Geburtstag.
 

Am Samstag, 30.04.2010, hat Cheftrainer Thomas Schaaf seinen 50. Geburtstag gefeiert. Im Vorfeld war der dienstälteste Bundesliga-Trainer ein gefragter Mann, musste ein Geburtstags-Interview nach dem anderen geben. Die Nachrichtenagentur dapd schickte extra ein dreiköpfiges Team aus Hamburg an die Weser und unterhielt sich mit ihm über zwei Stunden lang. WERDER.DE veröffentlicht diesen launigen Rückblick mit vielen Einblicken. Viel Spaß!

Teil 2

Ist es eine Leistung, diese verkorkste Saison noch gerettet zu haben?
Erstmal hoffen wir, dass wir das Ziel Klassenerhalt erreichen. Und wenn man unsere Ansprüche sieht, womöglich um den Titel zu spielen, kann man nicht übermäßig stolz darauf sein, gerade noch die Kurve zu kriegen. Aber wer weiß, wie schwer ein negativer Lauf zu stoppen ist, kann das einschätzen.

Haben Sie das Gefühl, noch lernen und besser werden zu können?
Ich hoffe. Wenn das nicht mehr so wäre, dann wäre ich traurig, weil ich glaube, dass das auch ein großer Reiz des Lebens ist. Neue Dinge zu entdecken und mit ihnen auch umzugehen.

Routine kann auch etwas angenehmes sein...
Sie gibt einem Sicherheit, mehr nicht.

Wenn Sie in dem, was Sie tun nicht mehr wachsen könnten; wäre das ein Grund aufzuhören?
Ich glaube nicht, dass es diesen Zustand gibt. Wenn es ihn geben würde, dann würde ich es machen.

 
Auf der Feier zum 111-jährigen Werder-Jubiläum vereint: Otto Rehhagel und Thomas Schaaf. Auf der Feier zum 111-jährigen Werder-Jubiläum vereint: Otto Rehhagel und Thomas Schaaf.

Otto Rehhagel wollte mit 60 Jahren nicht mehr auf der Bank sitzen - und hat sich nicht daran gehalten. Wie ist das bei Ihnen?
Ich bin sicher, dass ich nicht bis ans Lebensende auf dem Platz stehen kann und will. Ich lasse die Dinge auf mich zukommen. Was nützt einem ein 5-Jahres-Plan, wenn man plötzlich die Position des Trainers nicht mehr inne hat, weil der Erfolg ausbleibt. Außerdem bin ich in dem glücklichen Zustand sagen zu können, dass es uns privat trotzdem gut gehen würde, wenn ich zwei, drei Jahre mal nicht als Trainer arbeiten würde.

In dem Zustand müssten Sie doch schon eine ganze Weile sein...
Da müssten Sie erst einmal die Ansprüche definieren. Und die Voraussetzungen. Das ist ein langes Thema.

Sie gelten als eher bescheiden. Wohnen nicht in Bremens noblen Stadtteilen, sondern vor den Toren der Hansestadt. Extravaganzen sind auch nicht bekannt.
Meine heimliche Yacht haben sie ja noch nicht gesehen ...

Wir dachten, die gehört Abramowitsch. Aber im Ernst: Leisten Sie sich Luxuriöses?
Ich fahre gerne Auto - auch schon mal ein hochklassiges. Das gönne ich mir. Wir haben ein kleines Haus, das ganz in Ordnung ist, und im Urlaub müssen es nicht die Luxusherbergen oder Luxusorte sein. Aber das ein oder andere zwischendurch gönnen wir uns schon. Die Freiheit, Essen zu gehen, wenn wir es wollen, ist nicht jedem gegeben. Oder irgendwo für drei Tage hinzufliegen, auch wenn es eigentlich Wahnsinn ist.

Sie haben viele Angebote ausgeschlagen. Verraten Sie uns das Jahr, wo das am schwersten war? Und gibt es eins, wo Sie das Ausschlagen bereut haben?
Da gab es als Spieler eine Geschichte mit Hannover 96. Da wäre ich auch fast gewechselt. Aber dann habe ich gesagt: Mensch wir haben hier jetzt auch eine gute Mannschaft, warum willst du eigentlich weg. Nein, du musst dich hier durchbeißen, du setzt dich hier durch.

Und als Trainer?
Es gibt sicherlich das ein oder andere Interesse. Aber ich hatte doch auch großes Glück hier bei Werder Bremen. Es gab nicht viel Besseres. Wir hatten immer tolle Mannschaften, mit denen ich gespielt und gearbeitet habe. Als Spieler und Trainer waren das verdammt erfolgreiche Zeiten. Ich hätte sicherlich mehr verdienen können. Vielleicht bin ich so geeicht. Aber vielleicht ändert sich das ja noch.

 
Werders Cheftrainer ist über den Rückhalt seiner Familie sehr erfreut: Hier mit Ehefrau Astrid und Tochter Valeska. Werders Cheftrainer ist über den Rückhalt seiner Familie sehr erfreut: Hier mit Ehefrau Astrid und Tochter Valeska.
Am Spielfeldrand sind Sie nicht ruhiger als die meisten Ihrer Kollegen - Jürgen Klopp vielleicht ausgenommen. Wie schaffen Sie es, nach dem Spiel so cool zu sein?
Vielleicht ist es eine göttliche Gabe. Im Ernst: Ich merke, wie ich auch ab und zu mit mir kämpfe, aber gottseidank meist den Kampf gewinne. Weil ich weiß, dass es gut für mich ist. Weil ich weiß, dass ich den Leuten eine Riesenfreude machen würde. (lacht) Weil ich weiß, dass sie nur darauf warten. Und weil ich es auf der anderen Seite manchmal nicht fair finde.

Nicht fair für oder gegen wen?
Emotionen sind wichtig, weil sie einem einen ungeheuren Antrieb geben. Und weil sie eine unheimliche Bereicherung sind. Aber man muss versuchen, sie zum richtigen Zeitpunkt zum Wirken zu bringen. Zum Beispiel nicht bei einem Schiedsrichter, der vielleicht einfach einen scheiß Tag hatte, auf deutsch gesagt. Dem alles daneben ging, aber der dann in der Kabine sitzt und das selbst genau weiß. Wenn ich dann da auch noch drauf knalle, das hilft keinem. Manchmal ist das vielleicht auch verkehrt, das sollte man mehr aus sich heraus kommen. Oder mehr zulassen.

Muss die Eruption Ihre Frau am Abend aushalten?
Ich habe wirklich ein großes Glück, dass ich eine Familie habe, die mich so nimmt, wie ich bin. Sie lässt mich meinen Job machen, wie ich ihn machen möchte. Und nimmt mich dann auch mit den ganzen Macken, die man so hat. Das trifft auch auf unsere Freunde zu. Das ist ein unglaubliches Geschenk.

Aber Sie sind nicht nur sehr cool, sondern strukturieren Ihre Gedanken auch sehr schnell. In welcher Lebenslage gelingt Ihnen das nicht?
Ich bemühe mich um Gelassenheit. An Dingen nicht herum zu werkeln, die ich nicht bewegen kann. Ein Beispiel: Es nutzt einem wenig, die Spieler aufzuzählen, die man nicht zur Verfügung hat. Ich muss mich auf die konzentrieren, die da sind. Das geht aber leider sehr schnell in die Richtung, dass es heißt: Oh, der schätzt die gar nicht, die jetzt verletzt sind. Völliger Blödsinn; ich warte auf jeden Einzelnen; und wir kümmern uns darum, was die Reha-Zeit angeht und dass sie gesund werden.

War das schon immer so?
Ich lass die Dinge auf mich zukommen. Auch wenn ich zum Beispiel ins TV-Studio komme und mir der Interviewer im Vorfeld sagt, das und das will ich Sie fragen. Dann sage ich immer: Lassen Sie es. Fragen Sie mich gleich im Interview, dann werden Sie sehen, ob Sie eine Antwort kriegen. Ich habe keine Lust, mir irgendetwas zurecht zu legen und unbedingt eine bestimmte Message rüberzubringen, das ist alles schrecklich.

 
Spontanität in Interviews ist seine Stärke. Thomas Schaaf will sich keine Antworten parat legen. Spontanität in Interviews ist seine Stärke. Thomas Schaaf will sich keine Antworten parat legen.

Trainer werden besonders intensiv beobachtet. Bisweilen wird auch ihr Seelenleben durchleuchtet. Wie zuletzt auch bei Ihnen und der Mannschaft.
Das finde ich immer herrlich. (lacht) In den letzten Wochen war das sicherlich das Faszinierendste. Was die Leute immer so deuten, das fand ich klasse. Das hat richtig Spaß gemacht.

Wie halten Sie das aus?
Mit gewissen Sachen muss man einfach umgehen. Wenn ich vor die Tür gehe, muss ich wissen, dass ich in der Öffentlichkeit stehe. Das bringt der Beruf mit sich. Und dann muss ich wissen, wenn ich irgendwo an der Ampel stehe und in der Nase bohre, und irgendwo einer mit der Kamera steht und mich gerade in dem Moment fotografiert, dann habe ich eben die A-Karte gezogen.

Wie ist es mit den professionellen Deutern? Wenn Sie beispielsweise nach Arnautovic gefragt werden und zögerlich antworten, dann wird daraus der Schluss gezogen, dass es gerade ganz schwierig ist mit Arnautovic.
Ja. Aber was soll man machen, wenn man jemandem gegenüber sitzt und nach der ersten Frage genau weiß, welche Story geschrieben werden soll. Und es ist völlig wurscht, was ich antworte, ob ich ganz ruhig bin, mich gar nicht bewege, keinen Gesichtsausdruck zeige, die Story kommt so, wie sie vorher geplant war. Natürlich versuche ich dann nicht noch Öl ins Feuer zu gießen, das ist klar. Aber ich kann es trotzdem nicht vermeiden. Und man kann sich dann schon fragen, was habe ich jetzt gesagt, was habe ich getan, dass man diese Story bringen kann?

Wie reagiert man darauf? Wie reagiert man sich ab?
Ich lebe damit. Ich weiß, dass es nicht gut ist, aber ich weiß, dass ich nicht alles vermeiden kann. Ich habe doch sowieso schon das Image, derjenige zu sein, der gern mal grundsätzlich wird. Ich will nicht immer der mit dem Zeigefinger sein. Auf der anderen Seite ist es gut, wenn ich vielleicht das ein oder andere, was meiner Meinung nach falsch läuft, ein bisschen ausbremsen kann. Wenn mir das gelingen sollte, hurra.

In ein paar Tagen beginnt Ihr sechstes Lebensjahrzehnt. Ist die 50 ein Problem für Sie?
Zahlen sind mir nicht so wichtig. Ich erschrecke mich manchmal, wie schnell die Zeit gerannt ist. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich jeden Tag mit jungen Menschen zusammen komme. Das ist etwas sehr Schönes. Aber wie gesagt, so eine Zahl sagt doch gar nichts aus. Sie deutet darauf hin, dass Sie sportlich auf dem Platz nicht mehr alles auf die Reihe kriegen. Aber es kommt doch darauf an, wie Sie sich bewegen, wie sie sich fühlen und was sie noch machen können. Ich habe einen guten Freund, der ist weit über 60 - wenn ich so Ski fahren könnte wie er, das wäre herrlich. Das Alter spielt da keine Rolle. Manchmal erschreckt es mich aber doch. 50, denke ich dann, naja, ist nicht mehr lang hin.

Interview: dapd

Schon Teil 1 des Interviews gelesen? Thomas Schaaf über sein erstes Profi-Training und Bundesliga-Spiel und der berühmte Jubel aus dem Flugzeugdach nach dem Double-Sieg.

 

 
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