„Der Fußball muss authentisch bleiben“

21.01.2010, 00:00:00 Uhr

 
 
Er war aktiver Fußballer, arbeitete lange Zeit erfolgreich in den USA, knüpfte dabei umfangreiche internationale Kontakte im Sport­marketing. Und nicht zu vergessen: Klaus Filbry verfügt über jede Menge Erfahrung als Familienvater. Nun steht er als neuer Geschäfts­führer gemeinsam mit Klaus ­Allofs und Klaus-Dieter ­Fischer an der ­Spitze der ‚Werder-Familie‘.

WERDER MAGAZIN: Herr Filbry, was hat Ihnen das Gefühl gegeben, dass die Aufgabe bei Werder Bremen jetzt genau die richtige ist?
KLAUS FILBRY: Werder Bremen steht für Kontinuität, Unaufgeregtheit, sportlichen Erfolg und Potenzial. Das waren für mich wichtige Punkte. In Verbindung mit der Stadt Bremen und den Menschen, die ich kennen gelernt habe, die sehr sympathisch waren und die offen mit mir umgegangen sind, war es ein Gesamtpaket, bei dem ich gesagt habe: Das wird Spaß machen, auf diese Aufgabe freue ich mich.

Welche Rolle spielte Ihre Familie bei der Entscheidung?
Sie hat nicht ‚Nein‘ gesagt... Man muss berücksichtigen, dass wir erst vor kurzem aus Amerika zurückgekommen sind, nach zwei Jahren in Erlangen gerade das Gefühl hatten, uns wieder eingelebt zu haben. Und dann kam das Traumangebot von Werder Bremen, das wir natürlich im Familienrat besprochen haben. Und mittlerweile freuen sich alle, nach Bremen zu kommen.

Sie haben drei Kinder. Welche außergewöhnlichen Sporttalente deuten sich bei ihnen an?
Alle drei haben einen sehr hohen Bewegungsdrang, gute koordinative Fähigkeiten. Dadurch, dass sie erst sieben, fünf und vier Jahre alt sind, können sie noch in Ruhe den richtigen Sport für sich finden. Sie sind aber alle bereits Werder-Mitglied (lacht).

Die erste Dienstreise ging für Sie nach Dubai: Wie wichtig war die mehrtägige Präsenz von Werder Bremen in dieser Region?
Sehr wichtig, denn sie ist für uns ein erster Schritt, um internationale Märkte zu erschließen. Bei dieser Reise, die im Verbund mit der Deutschen Fußball-Liga durchgeführt wurde, haben wir sehr positive Erfahrungen gesammelt. Wir haben finanziell profitiert – durch das, was uns von der DFL gegeben wurde. Wir haben gelernt, was dazu gehört, um dort erfolgreich ein Trainingslager abzuhalten. Unterkunft, Verpflegung, Zeitablauf und Medienpräsenz waren zum Beispiel sehr gut. Verbesserungsbedarf gibt es sicher bei den Trainingsbedingungen, gerade was die Qualität der Plätze, die nicht optimal war, betrifft. Wenn wir in Zukunft wieder solche Reisen machen, muss auch das passen. Denn das Fundament für alle unsere Aktivitäten ist der sportliche Erfolg. Und wenn die Arbeitsbedingungen nicht zu 100 Prozent stimmen, wird es schwer, den Trainer und die Mannschaft davon zu überzeugen, so etwas mitzutragen.

Wird es also weitere Reisen dieser Art geben?
Klar ist: Man kann nicht einmal in einen Markt gehen und sich dann fünf Jahre nicht blicken lassen. Wir müssen eine Strategie haben, wie wir uns Märkte erschließen – zusammen mit der DFL und unseren Partnern, vor allem Nike und Volkswagen. Das heißt nicht, dass wir zukünftig durch 15 verschiedene Länder fahren oder fliegen. Aber wir werden uns sicher das eine oder andere Kernland aussuchen und versuchen, Werder Bremen dort strategisch zu positionieren. Denn die Umsatzpotenziale, die sich aus der Auslandsvermarktung ergeben, sind sehr hoch. Und wir sind im Vergleich zu anderen Ligen, gerade zur englischen Premier League, eher schlecht aufgestellt. Diese ­Potenziale müssen wir uns erschließen.

Das heißt, dass die noch stärkere Ausbildung der Marke Werder Bremen auch höhere Anforderungen an die Spieler mitbringt?
Es ist ja in beiderseitigem Nutzen: Die Mannschaft hat optimale Trainings- und Spielbedingungen. Und durch die mediale Präsenz oder Sponsorentermine haben wir die Möglichkeit, auf uns aufmerksam zu machen und finanzielle Mittel zu erlösen, mit denen wir wiederum die Mannschaft verstärken können. Denn klar ist: Wenn Werder Bremen nicht international spielt und in Deutschland nicht unter den Top 3 rangiert, dann fallen die genannten Aktivitäten schwer, weil das Interesse im Ausland sehr viel geringer ausfällt.

Wo ordnen Sie die Bundesliga derzeit im internationalen Vergleich ein?
Bei der Umsatzrendite liegen wir gleichauf mit der Premier League. Im Umsatz liegen wir dahinter, gleichauf mit Italien, Frankreich und Spanien. Aber die Rendite spielt eine wichtige Rolle. Sie ist bei den drei Letztgenannten negativ, bei der Bundesliga positiv. Im Sponsoring und Merchandising ist die Bundesliga sogar führend in Europa. Bei den TV-Geldern stehen wir allerdings an letzter Stelle. Und das ist eine der Kernaufgaben für die DFL. Wir dürfen nicht den Anschluss verlieren. Sollte es einen neuen TV-Vertrag geben, der die Summen anhebt, dann wird sich die Bundesliga langfristig als Nummer zwei in Europa etablieren – die Vor­aus­setzungen dafür sind gut.

Wie war Ihr sportlicher Eindruck von der Mannschaft im Trainingslager?
Das Team macht einen sehr intakten Eindruck, hat Spieler mit enormen individuellen Fähigkeiten, dazu eine klare Spielphilosophie und einen herausragenden Trainer. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir wieder einen internationalen Wettbewerb erreichen, möglichst sogar die Champions League.

Auch Sie können auf eine Karriere als aktiver Fußballer zurückblicken. Was ist die schönste Erinnerung daran?
Das Eindrucksvollste war für mich, dass ich in verschiedenen Kulturkreisen erfolgreich Fußball spielen durfte, den Sport aus vielen Blickwinkeln kennen gelernt habe. Gerade in den USA war es ein ,Schmelz­tiegel‘ mit Einflüssen aus Nordamerika, Südamerika, England und dem restlichen Europa. Das hat mich sehr geprägt. Ich habe gesehen, dass Fußball überall verbindet. Und wenn Tore geschossen werden, freut man sich überall gleich. In meiner College-Zeit durfte ich erfahren, wie es ist, als Spieler in einem Draft (Nachwuchsrekrutierung, bei der sich die Clubs untereinander über die Rechte an den besten Spielern einigen, Anm. d. Red.) zu sein und dann auch verpflichtet zu werden. Das war ein interessantes Erlebnis – auch um zu sehen, wie der Sport mit den Menschen umgeht.

Was kann Deutschland vom Sport in Amerika lernen?
Die Amerikaner sind Profis in der Vermarktung von Sportveranstaltungen. Man kann sich einiges abgucken, aber es muss das Richtige sein. Es gibt in Amerika den College-Sport, die National Football League, die National Basketball League, die National Hockey League, die Major League Baseball, die Major League Soccer – alle sind sehr erfolgreiche Unternehmen. Vorbildlich ist für mich das College-System, das den Spagat schafft, einerseits sehr ursprünglich und authentisch zu sein, aber trotzdem mit verschiedenen Mitteln die Menschen für den Sport zu begeistern. Das etwas negativere Beispiel ist für mich die National Basket­ball League – eine Vermarktungs­maschine, die sich zuletzt den chinesischen Markt erschlossen hat, die ‚Pre-Season-Games‘ in Europa veranstaltet, aber die zum Beispiel mittlerweile Eintrittspreise hat, die sich eine ‚normale‘ mehrköpfige Familie kaum noch leisten kann. Und wenn man die Spiele im Fernsehen verfolgt, dauern die letzten zehn Minuten aufgrund jeder Menge Werbeunterbrechungen etwa eine halbe Stunde. Dadurch gerät aus meiner Sicht der Kern des Sports in Vergessenheit.

Wie haben die längeren Auslandsaufenthalte Ihren Blick auf Deutschland beeinflusst?
Ich habe gelernt, dass es ein ausgesprochen positives Bild von Deutschland im Ausland gibt. Der deutsche Fußball wird sehr geschätzt und auch die so genannten deutschen Tugenden – zum Beispiel Disziplin und Zuverlässigkeit. Ich habe zudem erfahren, dass sich das Interesse Amerikas immer weiter verlagert hat – weg von Europa in Richtung Asien und dort vor allem nach China. Nicht zuletzt habe ich erkannt, was besonders schön ist in Deutschland. In Amerika lernt man schnell viele Menschen kennen, aber nicht sehr gut. Richtig tiefe Freundschaften gibt es eher in Deutschland.

Was macht Werder Bremen aus Ihrer Sicht unverwechselbar?
Zum Beispiel die hohe Identifikation der Menschen mit dem Verein. Und natürlich die Emotionalität. Jeder hier im Umland liebt Werder Bremen und steht hinter dem Verein. Aber – und das ist keinesfalls negativ gemeint – Werder Bremen ist nicht wie eine Religion. Die Fans freuen sich mit Werder und leiden mit. Aber sie sind dabei stets vernünftig. Außerdem ist das Besondere hier: Wir haben ein Stadion in der Stadt, viele kommen zu Fuß zum Spiel. Es gibt die Kneipen in der Nähe. Es ist ein sehr ursprüngliches Fußball-Erlebnis, wenn man ins Weser-Stadion geht.

Welche Werte des Fußballs sind für Sie bei aller wirtschaftlichen Weiterentwicklung unverzichtbar?
Zum Beispiel, dass es nicht mehr als eine Spielpause und nach wie vor die typische Bratwurst im Stadion gibt. Dass Fußball ein authentisches Erlebnis und ein ehrlicher Sport bleibt. Das sind Grundbedürfnisse, die jeder Fan hat und die wir respektieren sollten, weil die Fans letztlich die Basis dessen sind, wofür wir arbeiten. Nichtsdestotrotz müssen wir möglichst viele finanzielle Mittel akquirieren, um die Mannschaft immer weiter zu verstärken und um solide aufgestellt zu sein. Aber wir müssen immer sicherstellen, dass wir die Fans mitnehmen auf die Reise in die Zukunft.

Werder ist laut einer aktuellen Umfrage weiterhin der sympathischste Bundes­liga-Club. Wie ist das noch zu toppen?
Wenn zum Beispiel in Stuttgart jemand auf die Frage nach dem sympathischsten Fußball-Club ‚Werder Bremen‘ antwortet, auf die Frage, wessen Fan er ist, jedoch ‚VfB Stuttgart‘, dann möchten wir diese Person natürlich gerne zu einem richtigen Werder-Fan oder sogar zum Mitglied unseres Vereins machen.

Interessant will Werder auch für potenzielle Geldgeber sein. Unter welchen Vor­aus­setzungen wäre für Sie der Einstieg eines strategischen Partners denkbar?
Werder Bremen hat sich zum Thema ‚50+1‘ (Kapitalanlegern ist es nicht möglich, die Stimmenmehrheit in von Fußball-Vereinen gegründeten Kapitalgesellschaften zu übernehmen, Anm. d. Red.) sehr klar für die Beibehaltung der Regel ausgesprochen, daran wird sich auch nichts ändern. Wenn ein strategischer Investor einsteigen sollte, dann müsste das zudem abgesegnet sein von der Mitgliederversammlung des Vereins. Es müsste also eine breite Unterstützung der Vereinsmitglieder dafür geben. Und drittens – und das ist auch sehr wichtig – müsste es ein Partner sein, der zu Werder Bremen passt, das heißt Lust hat, mit Werder etwas zu bewegen, aber auch bereit ist, sich im Hintergrund zu halten. Denn das operative Geschäft und die strategische Ausrichtung bleiben immer Teil der Verantwortung von Werder Bremen.

Was spricht für einen Verkauf des Stadionnamens und was dagegen?
Momentan ist die gesamtwirtschaftliche Situation so, dass dies ein hypothetisches Thema ist. Außerdem steht der Name ‚­Weser-Stadion‘ für Tradition. Sollte uns irgend­wann jemand ein exorbitantes Angebot für den Kauf des Stadionnamens vorlegen, dann müssen wir Vor- und Nachteile abwägen, prüfen, ob der Name zu Werder Bremen passt. Und wir müssen einen ­Dialog mit den Fans führen, um zu erfahren, ob sie bereit sind, diesen Weg mitzugehen. Handlungsbedarf gibt es aus meiner Sicht aber derzeit überhaupt nicht.

Werder Bremen ist finanziell gesund und stolz darauf. Wird das so bleiben?
Ganz sicher, weil wir weiter hanseatisch wirtschaften und nicht mehr ausgeben werden, als wir einnehmen.

Was ist Ihnen bei der Einarbeitung in Ihre Aufgabe besonders wichtig?
Ich werde viel mit den Mitarbeitern und den Menschen rund um Werder Bremen sprechen, mit jedem Einzelnen – zunächst aus meinem direkten Verantwortungsbereich, aber dann auch darüber hinaus. Ich will wissen, wie Werder Bremen gesehen wird, wo die Mitarbeiter Probleme und wo sie Stärken sehen, um zu erfahren, wo ich ansetzen muss – sowohl intern als auch extern. Gewisse Eckpunkte habe ich natürlich bereits definiert. Aber im Tagesgeschäft gibt es sicher noch viele Themen, in die wir einsteigen müssen. Ich bringe hoffentlich vieles mit, was für Werder Bremen hilfreich ist, aber ich habe ,die Welt nicht erfunden‘. Bei mir wird alles im Dialog vorangebracht – das ist meine Art des Führungsstils.

Wie wird man Sie während der Spiele im Weser-Stadion erleben?
Ich bin ein leidenschaftlicher Fußball-Zuschauer, werde mich über Werder-Tore sehr freuen. Aber ich werde sicher nicht ausrasten, wenn ein Tor gegen uns fällt. Das erste Heimspiel gegen Bayern München ist gleich eine schöne Gelegenheit, das Nord-Süd-Verhältnis – Bremen oben, Bayern darunter – wieder zurechtzurücken.

Wie halten Sie sich fit für die anspruchsvolle Aufgabe, und wie entspannen Sie vom beruflichen Stress?
Ich achte bewusst auf meine Ernährung, treibe viel Sport und gehe sehr gern in die Sauna. Aber das Schönste und die beste Entspannung ist für mich, mit einem Buch im Café zu sitzen und zu lesen.
Interview: Martin Lange

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