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"Ich freue mich auf den ersten Schnee"
Er ist der zweite Fußballer, der aus dem brasilianischen Londrina auszog, um in Europa Karriere zu machen. Der erste war Giovane Elber. Nun will auch Naldo, Werders neuer Innenverteidiger, fernab der Heimat die Fans begeistern. Der Einstand gelang: Noch keine Pflichtspiel-Minute hat der 23-Jährige seit seinem Wechsel verpasst.

WERDER-Magazin: Naldo, hier in Deutschland beginnt gerade der Herbst. Sehnst du dich schon ins warme Brasilien zurück?
NALDO: Nein, ich hatte bisher kein Heimweh. Das liegt hauptsächlich daran, dass meine Frau Carla mit mir nach Deutschland gekommen ist. Natürlich vermisse ich ab und zu den Rest meiner Familie. Aber ich weiß, dass ich alle in der Winterpause wieder sehen werde. Übrigens: In meiner Heimat, im Süden Brasiliens, kann es auch sehr kalt werden. Im Moment ist das Wetter dort nicht besser und wärmer als hier in Bremen.

Wie war dein erster Eindruck von Deutschland?
Ich war begeistert vom herzlichen Empfang. Die Geschäftsführung, die Mannschaft, die Fans – alle haben mich freundlich aufgenommen und mir geholfen, mich schnell einzuleben. Ich hatte vorher schon eine sehr hohe Meinung von diesem Land. Aber meine ersten Wochen hier waren noch eine Steigerung zu dem, was ich mir vorgestellt hatte. Brasilien ist schließlich immer noch ein Dritte-Welt-Land mit viel Kriminalität und Korruption. Hier in Deutschland haben die Menschen viel mehr Respekt voreinander, halten sich an die Regeln der Gesellschaft. Alles ist besser organisiert. Mein Bild von Deutschland ist exzellent. Das Leben hier ist sehr viel angenehmer.

Aber die deutsche Sprache zu lernen...
...das wird nicht leicht. Aber ich habe keine Angst davor. Im Gegenteil: Ich freue mich auf die neue Sprache. Ich will nicht nur im Fußball so schnell wie möglich dazu lernen.

Wie unterscheidet sich denn der Fußball in Deutschland von dem, was du aus Brasilien bisher kanntest?
Das Auffälligste ist, dass in Deutschland sehr viel Wert auf die taktische Arbeit gelegt wird. Hier gibt der Trainer eine klare taktische Marschroute aus, und die Spieler halten sich auch daran. In Brasilien ist das ganz anders. Außerdem ist die Bundesliga viel ausgeglichener. Hier gibt es mehr starke Teams als in Brasilien.

Welche Tipps hat dir Thomas Schaaf als erstes gegeben, damit du dich zurecht findest?
Er hat in den ersten Trainingseinheiten versucht, mir möglichst schnell die Eigenheiten des deutschen Fußballs näher zu bringen. Er hat mir erklärt, wie ich in bestimmten Situationen zum Gegenspieler stehen soll. Das hat mir sehr geholfen. Auch jetzt gibt mir Thomas Schaaf immer wieder wertvolle Tipps.

Warst du überrascht, dass du nach deinem Wechsel sofort in der Startformation standest?
Nein, der herzliche Empfang hat mir von Beginn an die nötige Sicherheit gegeben. Es war ein gutes Gefühl, sofort das Vertrauen des Trainers zu spüren. Ich denke, dass ich jetzt so weit bin, dieses Vertrauen mit guten Leistungen zurück zu zahlen, alles für die Mannschaft zu geben und mit Werder Erfolge zu feiern.

War das Duell mit Ronaldinho der bisherige Höhepunkt deiner Zeit bei Werder?
Es war ohne Zweifel sogar eines der wichtigsten und schönsten Spiele meiner Karriere. Es war klasse, gegen den FC Barcelona aufzulaufen, diese Weltklasse-Mannschaft, mit all den großen Namen, darunter natürlich Ronaldinho. Er hat in Brasilien einen enormen Stellenwert, wird von den Menschen wahnsinnig geliebt.

Worüber hast du dich mit Ronaldinho unterhalten?
Er hat mir erzählt, dass er über die Medien meinen Transfer verfolgt hat. Er wusste also, dass er mir hier in Bremen begegnet und hat mir dazu gratuliert, dass ich in der Bundesliga bei einer so hervorragenden Mannschaft spiele. Er hat mir für die weitere Saison alles Gute gewünscht. Und ich habe ihm gesagt, dass ich hoffe, dass er wieder solch ein tolles Jahr hat wie zuletzt. Unter Brasilianern hält man natürlich immer zusammen.

Hast du Ronaldinho auch angekündigt, dass ihr euch bald im Nationalteam wieder seht?
(lacht) Zumindest habe ich ihm gesagt: Ich hoffe, dass Carlos Perreira (Brasiliens Nationaltrainer, d. Red.) auch mal einen Blick auf Werder Bremen wirft. Aber ich bin mir sicher, dass hier die Chance, dass er auf mich aufmerksam wird, größer ist als in Brasilien. Ich habe schon gezeigt, dass ich in der Bundesliga bestehen kann. Und ich will mich noch mehr in den Vordergrund spielen. Natürlich würde ich Ronaldinho am liebsten schon 2006 bei der WM wieder sehen – und zwar nicht nur am Fernseher, sondern bei einem gemeinsamen Einsatz auf dem Spielfeld.

Und Ronaldinhos Trikot liegt zu Hause im Safe?
Das nicht, aber ich habe es natürlich sehr gut aufbewahrt. Es ist etwas ganz Besonders, das Trikot eines solchen Idols zu bekommen.

In Brasilien sind sicher viele neidisch auf dieses gute Stück. Wie waren die Reaktionen deiner Freunde und Mitspieler, als sie erfuhren, dass du nach Deutschland gehst?
Einerseits haben sich alle für mich gefreut, dass ich diese Chance bekomme. Andererseits waren meine Mitspieler traurig, dass ich die Mannschaft verlasse – zu einem Zeitpunkt, als es mit Juventude in der Meisterschaft sehr gut lief. Aber alle haben gesagt: ‚Geh nach Bremen – das ist ein guter Klub.‘

Du hast sehr spät begonnen, Fußball in einem organisierten Verein zu spielen. Warum?
Das liegt hauptsächlich daran, dass es in meiner Heimatstadt Londrina gar keinen großen Fußball-Klub gibt. Ich wurde häufig gefragt: ‚Willst du nicht mal hier in Londrina im Verein mitkicken?‘ Aber ehrlich gesagt: Darauf hatte ich keine Lust, weil es kein richtig guter Klub war. Ich habe lieber nur zum Spaß weiter gespielt. Erst als ich 18 Jahre alt war, kam das Angebot von RS Futebol Clube – das habe ich angenommen.

Aber wie konntest du überhaupt entdeckt werden?
Dadurch, dass ich kurz zuvor begonnen hatte, mit einem lockeren Zusammenschluss von Fußballern regelmäßig zu kicken. Wir gehörten keinem Verein an und haben nur auf kleinem Feld gespielt – meist auf harten Betonplätzen. Dort haben mich die Verantwortlichen von RS beobachtet und zum Probetraining eingeladen.

Von wem hast du dein Talent geerbt?
Vielleicht von einem meiner beiden Onkel. Sie haben zwar nur als Amateure gespielt, sich aber in Londrina einen guten Namen gemacht und waren so etwas wie die ‚Local Heroes‘. Einer von ihnen war bei allen Gegnern wegen seines harten Schusses gefürchtet. Schade, dass sie damals noch nicht so gute Möglichkeiten hatten, Karriere zu machen.

Ein starker Schuss zeichnet auch dich aus. In Berlin hätte es fast mit deinem ersten Freistoßtor geklappt. Trainierst du regelmäßig deine außergewöhnliche Schusstechnik?
Es ist sicher vor allem eine große Begabung, die ich da mitbekommen habe. Aber natürlich arbeite ich ständig im Training daran, meine Schusstechnik, vor allem bei Freistößen, weiter zu perfektionieren.

Weil doch sicher alle brasilianischen Kinder und Jugendlichen Stürmer sein wollen und davon träumen, Tore zu schießen. Ging es dir auch so?
Nein, mein Vater war ebenfalls Innenverteidiger. Es war immer mein Wunsch, so zu werden wie er. Traurig macht mich das daher bestimmt nicht. Jeder Spieler erkennt irgendwann, wo seine Stärken liegen und auf welcher Position er sie am besten einbringen kann. Vorwiegend defensiv zu spielen, schließt ja nicht aus, auch Tore zu schießen. Ich bin sicher, dass mir das bald auch für Werder gelingen wird.

Kannst du uns verraten, warum es in Brasilien immer wieder so viele Fußball-Talente gibt – mehr als in jedem anderen Land der Erde?
Eine umfassende Erklärung kann ich wahrscheinlich nicht geben. Aber eine Rolle spielt sicher, dass in Brasilien viele Klubs nicht besonders gut geführt sind. Die Spieler werden nicht korrekt behandelt, Gehälter werden häufig nicht gezahlt. Gute Spieler sind unzufrieden und gehen schnell ins Ausland. Dadurch erhalten junge Talente in Brasilien früh die Chance, in der ersten Liga zu spielen. Und weil dem brasilianischen Fußball nicht viel Geld zur Verfügung steht, wird generell sehr viel Wert auf die Jugendarbeit gelegt.

Hast du Zweifel, dass Brasilien im nächsten Jahr Weltmeister wird?
Ich habe zumindest keine Zweifel, dass unsere ‚Selecao‘ sehr weit kommen wird. Ich tippe auf ein Finale zwischen Brasilien und Deutschland. Am Ende wird es wie 2002 sein, und Brasilien wird den Titel gewinnen.

Bis dahin liegt eine spannende Zeit bei Werder vor dir. Worauf freust du dich in den nächsten Monaten besonders?
Diesen Traum weiter zu leben: Ich wollte immer als Profi Fußball spielen. Dass ich das jetzt bei Werder Bremen tun kann, ist für mich das Größte. Aber eigentlich hat das, worauf ich am meisten gespannt bin, nichts mit Fußball zu tun.

Sondern?
Ich freue mich auf die Zeit, wenn in Bremen der erste Schnee fällt. Denn der ist für uns bislang ein großes Geheimnis. Carla und ich werden das zum ersten Mal erleben. Ich bin sehr gespannt auf unsere Reaktion. Wenn ich aufwache und draußen alles weiß ist, werde ich sofort aus dem Haus laufen, um den Schnee anzufassen.

Vielleicht kannst du dann bereits deinen Sohn mitnehmen, der demnächst geboren wird. Willst du bei der Geburt dabei sein?
Ja, natürlich. Der voraussichtliche Termin im November fällt in eine Zeit, in der die Bundesliga Pause macht und Länderspiele auf dem Programm stehen. Ich werde den Verein auf jeden Fall bitten, mir einen Tag frei zu geben. Denn ich will Carla und unserem kleinen Naldinho so viel helfen, wie es nur geht.

Interview: Martin Lange